Blutgrätsche
Sonnabend 8.00 Uhr. Der Alabasterkörper erhebt sich und geht ohne Aufwärmtraining auf das Spielfeld. Aber nicht nur das Aufwärmen wird vergessen, auch angemessene Spielkleidung und Schuhwerk bleiben in der Kabine.
Vorbereitung? Pfffff. Wozu? Liegt wohl am frühen Anpfiff, dass ich so denke. Da es sich um eine Indoor-Veranstaltung handelt (Austragungsort: meine Wohnung), meine ich, barfuß auflaufen und auf ein Wecken meiner Mannschaftskameraden, Luca und Toni, verzichten zu können. Lass die mal, wo sie sind. Das reicht ja, wenn sie gegen Mittag aufstehen und mitmachen.
Womit mein Alabasterkörper und ich nicht gerechnet haben: Der Gegner lauert schon. Ganz fies hat er sich versteckt – behaupte ich jetzt mal. Und dann passiert es. Noch bevor ich ihn richtig wahrnehme. Ein ganz übles Foul. Eine Blutgrätsche. Weg gesenst wird mein kleiner Zeh. Der Übeltäter kommt aus der Mannschaft der Sitzgelegenheiten. Ein gar nicht so bullig wirkender Hocker, fast unscheinbar. Aber zu meinem Ungemach ist er ausgestattet mit vier Eisenfüßen, dieser Abräumer. Und einer stellt mir jetzt ein Bein. Aber nix da: Der zwingt mich doch nicht zu Boden. Kurzes Aufjaulen, längeres Fluchen und dann: Trainer, ich spiel weiter! Ist mir schließlich schon öfter passiert. So etwas bringt einen Rekordmeister doch nicht um! Auch, wenn das jetzt den Fuß meines eigentlich starken Beines betrifft. Geht schon!
Aufgerappelt nehme ich meine Position wieder ein. Also normaler Spielablauf: Besuch in der Wellness-Oase, Frühstücken, Zeitung lesen, Staubsaugen, Bad putzen, Spüle wienern und dann: AUaaah!, da ist ein ziemlich intensiver Schmerz im Fuß. Na ja, mach ich jetzt mal Halbzeit. In der Kabine, auf dem Wohnzimmersofa, streife ich den Socken ab und …
…ich trage doch einen weißen Socken, wieso ist der Zeh jetzt so dunkel? Da kann doch nichts gefärbt haben!
Aber mein Gegner hat offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Was da seine dunkle Seite zeigt, ist ein exorbitanter Bluterguss. Nur der offene Hausschuh will noch passen. Geschlossenes, gar festes Schuhwerk bei 5 Grad minus? Hiermit ausgeschlossen! Tolle Wurst! Bewegen kann ich den kleinen Onkel noch. Gerade sitzt er auch. Durch zu sein scheint er nicht, sagt die eigene Diagnose von Frau Prof. Dr. h. zeh ho zeh. Massive Verstauchung durch stumpfe Gewalteinwirkung. Also Heparin-Salbe drauf und kühlen, kühlen, kühlen.
Zwischendurch packen mich Verzweiflungsattacken: Ramponiert am eigentlich stärkeren Gehapparat, auf der Toni-Seite, bin ich. Das Bein, das sonst die Arbeit für zwei macht, schwächelt nun also wegen dieser üblen Blutgrätsch auch. Und wieder muss ich von der Tribüne aus dem Leben auf dem großen Spielfeld zuschauen. Reicht es nicht, dass ich mich immer wieder mit dem Nervenfresser beschäftigen muss? Gerade dachte ich, bloß mal Ruhe vor gesundheitlicher Dauerbeschäftigung, das wäre klasse! Und nun das wieder. Irgendwie habe ich die Seuche und verstehe Ribéry, der auf seinen Wolfsburger Gegenspieler schimpft. Wie soll ich jetzt gehen? Konzentration plus zwei Gefährten alleine reichen nicht mehr. Jeder Schritt ein Schmerz, jeder Schritt eine Anstrengung, noch mehr als sonst schon. Und so fühlt sich das auch an. Nur als Pantoffelheldin geht das. Und draußen? Da sind Pantoffeln momentan wirklich ungeeignet. Wir haben Winter, Mensch! Mist!
Die Schleusen öffnen sich. Die Augen werden feucht und laufen schließlich über. Ärger über mich selbst, Frustration und Verzweiflung sind die Quellen. Auch eine gute Portion Angst ist dabei. Angst wegen der ungewissen Zukunft mit dem Nervenfresser. Vor dem inneren Auge laufen Rollstuhlszenarien ab, das Auto wird umgebaut und so weiter und so weiter. Es muss ja nicht so kommen, aber was ist, wenn? Ich meine zu ahnen, dass sich das so ähnlich anfühlen könnte wie heute.
Ein fatales inneres Kino. Rotz und Wasser finden ihren Weg. Raus damit! Das befreit.
Puuuh. Wie gut, dass ich eigentlich immer relativ schnell wieder aus solchen Gedankenkreiseln heraus komme. Etwas später, die Tränen sind versiegt, frage ich mich nämlich, was mir das alles sagen soll. In den vergangenen Wochen hatte ich notwendiger Weise ein Ärzte-Hopping hinter mich gebracht, Termin um Termin absolviert – und das alles neben der Arbeit. Ich hatte einfach nur Ruhe gewollt. Und mein Alabasterkörper hat wohl an jenem Sonnabend entschieden, dass ich sie dann auch haben soll.
Nur, Schätzchen! So war das nicht gemeint. Sich mit dem Abräumer verbünden und mich übelst foulen. Und dann geht der Verursacher, dieser fiese Hocker, auch noch ohne gelbe Karte, Zeitstrafe, Platzverweis oder Sperre nach Hause. Echt mal, das nervt!
Aber, wieder hab´ ich was gelernt: Beim nächsten Heimspiel werde ich mich vor dem Auflaufen besser vorbereiten und mich voll auf Umwelt und mögliche Gegner konzentrieren.
Bloghaus-MS Gastautorin Claudia Georgi:
Ich wurde 1963 in Hamburg geboren, wo ich heute noch zu Hause bin. Ich interessiere mich für Menschen, lese leidenschaftlich gern, gucke Fußball und Handball im TV und liebe Musik, solange man eine Melodie erkennen kann und sie gut gemacht ist. Eigentlich bin ich Lehrerin, habe diesen Beruf aber nie ausüben dürfen. Stattdessen habe ich zunächst als Assistentin für mehrere Bürgerschaftsabgeordnete (Hamburgische Bürgerschaft = Landesparlament) gearbeitet, habe dann das Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten geleitet, war als wissenschaftliche Referentin für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung in einer Bürgerschaftsfraktion tätig und bin nach den Wahlen 2001 mit der damaligen Sozialsenatorin als persönliche Referentin in die Sozialbehörde eingezogen.
2006 wechselte ich innerhalb des Hauses in die heutige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung. Dort arbeite ich zurzeit als wissenschaftliche Referentin in einem Projekt, das Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kita-Bereich voran-bringen soll.
Ende 2006 schlug dann der Nervenfresser erstmals zu. Zunächst mit einer Trigeminusneuralgie. Der Trigeminus heißt übrigens Willi, nicht zuletzt damit ich ihn, wenn er mich „nervt“, also schmerzt, besser beschimpfen und verscheuchen kann (Marke: „Willi, verpiss dich“). Später dann entwickelten sich neben Missempfindungen in Händen und Füßen und anderen „Begleiterscheinungen“ auch Gang- und Gleichgewichtsstörungen, die mich zunächst noch frei laufen ließen. Seit ein Schub aber weitere Verschlechterung gebracht hat, bewege ich mich außerhalb der Wohnung nur noch mit meinen Gefährten, die natürlich auch Namen haben: Luca (links) und Toni (rechts). Luca und Toni sind zwei blau-weiße Nordic-Walking-Stöcke, die seit der Reha im Mai 2010 meinen Gehstock abgelöst haben. Also: Vieles, was mich stört oder mir hilft, wird getauft. Eine große Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Nervenfresser, der MS, ist das allemal. Dazu kommt, dass ich mir im Laufe des Zusammenlebens mit dem Nervenfresser ein gut funktionierendes Unterstützernetzwerk aufgebaut habe.



