Perspektiven
Der Blick – Es gibt viele Arten:
Rückblick, Ausblick, Blick nach vorn, Blick zurück, Blickwinkel, Blickrichtung, Blick auf den Nächsten, Blick auf das Wetter, Blick auf den Tacho, Durchblick, Kennerblick, Röntgenblick, verschwommener Blick, getrübter Blick, klarer Blick, und Augenblick.
Blicke, wohin man schaut, und im Folgenden der Versuch einer Orientierung:
Rückblick
Immer zum Jahreswechsel kommen sie überall. Fernsehen, Zeitungen, Internet und sonst wo. Global und regional. Wir sind umzingelt von Jahres-Rückblicken. Rückblick-manisch werden wir vollgedröhnt mit Natur- und sonstigen Katastrophen. Wir sehen noch mal wie Lawinen Dörfer verschütteten, Überflutungen Landstriche heimsuchten, Menschen ertranken, verhungerten, missbraucht oder niedergemetzelt wurden. Die Rauchwolken über dem Vulkan, das Blitzeis zu Weihnachten, der Fußball, der Babyboom. Höher, schneller, weiter oder schlimmer. Ein Wettbewerb der Extreme. Was bringt das eigentlich und wem bringt es was? Beschäftigen wir uns deshalb so damit, um nicht auf unsere ganz persönliche Bilanz zurück geworfen zu werden? Oder weil wir Orientierung suchen mit unserem kleinen Ausschnitt im großen Weltgefüge?
Ich denke, Innehalten kann sehr nützlich sein, und zwar ganz persönlich. Rückblick aber nicht als Selbstzweck, sondern vielmehr als Basis für Durchblick und Ausblick. Will sagen: Das Fazit ist ein gutes Fundament der Reflektion und des Lernens für das persönliche Morgen!
Blick nach vorn / Ausblick
Da kommen Gedanken, Hoffnungen, Ängste – ein Potpourri an Gefühlen und Erwartungen. Mal fußend auf einem Blick zurück im Zorn und dann gewiss mit dem Gedanken an ein halb leeres Glas oder dem klassischen „es kann nur besser werden“. Mal getrieben von der Überzeugung, dass schon alles gut gehe. Immer höchst persönlich gefärbt in Stimmung und Ausdruck des jeweils Blickenden. Gut aber, dass niemand von uns wirklich in die Zukunft blicken kann. Wir würden uns eines großen Motorteils berauben.
Blick auf den Nächsten
Wichtig, um mich selber zu justieren, ist immer auch der Blick auf den Nächsten. Mutter, Vater, Kind, Partner, Kollegen, Nachbarn und andere Begleiter – die Mitmenschen im eigenen Umfeld. Ein bewusster Blick in ihre Richtung. Wahrnehmen, was los ist und hoffentlich angemessen agieren und reagieren – das macht ein großes Stück sozialen Lebens aus. Und immer auch die Sicherheit, dass es Menschen gibt, die genauso unterwegs sind, für die ich so eine Nächste bin.
Und jetzt, meine Damen und Herren, folgt noch der Blick auf´s Wetter. Ein Tief oder Hoch, Sonne oder Regen, Hitze- oder Minusrekorde, gutes oder schlechtes Wetter, das alles kenne ich auch vom Nervenfresser. Wie die Wetterkarte nach den Nachrichten könnte ich jeden Tag mein Befinden im Leben mit ihm beschreiben. Und die Vorhersagen stimmen genauso wenig wie beim echten Wetter…
Da fällt mir noch eine Analogie ein: Wenn wir motorisiert unterwegs sind, sollte unser Blick auf den Tacho fallen – wenigstens gelegentlich. Dadurch können wir feststellen, ob wir angemessen oder mal wieder zu schnell unterwegs sind. Ist letzteres der Fall, gehört der Fuß vom Gas genommen. Wir wissen, wenn wir weiter zu schnell sind, kann das unangenehme bis schlimme Folgen haben. Ganz so wie beim Alltag mit dem Nervenfresser. Obwohl: Eigentlich fahre ich auch da manchmal immer noch etwas schneller als erlaubt…
Weiter mit der Blickbilanz.
Blickwinkel, Blickrichtung, Blickziele, das hatten wir schon.
Datt andere, datt kriejen wir …
Nee, nicht später! Jetzt!
Da gibt´s nämlich noch die Blickarten. Und die sind analog zu den Kindern des Nervenfressers benannt. Getrübter Blick, klarer Blick, verschwommener Blick und so weiter. Sie alle können sich auf das Leben an sich richten, Wahrheiten erkennen, verklären oder leugnen. Sie können aber auch schlicht und im eigentlichen Wortsinn die Funktionen von Sehnerv und Auge symptomatisch beschreiben.
Der Kennerblick hilft uns, das eine von dem anderen zu unterscheiden und kommt, zugegebener Maßen etwas arrogant, daher mit der Mitteilung: Hej, ist doch ganz klar, worum es sich hier handelt…
Was wir auch versuchen, der Röntgenblick blickt durch die Fassade hindurch, schaut hinter sie und entblößt das Eingemachte. Wenn du dich dem aussetzt, darfst du nicht genant sein. Wobei, manchmal ist es schon zu spät, wenn du diesen Blick registrierst. Wer von uns ist schon blickdicht?
Verschiedene Blicke, unterschiedliche Gedanken. Tragen lassen, treiben lassen, und nie den Blick verlieren.
Alle Blicke sind Bestandteile eines komplexen Gefüges – ob nun mit oder ohne Nervenfresser.
Das ist Leben.
Bloghaus-MS Gastautorin Claudia Georgi:
Ich wurde 1963 in Hamburg geboren, wo ich heute noch zu Hause bin. Ich interessiere mich für Menschen, lese leidenschaftlich gern, gucke Fußball und Handball im TV und liebe Musik, solange man eine Melodie erkennen kann und sie gut gemacht ist. Eigentlich bin ich Lehrerin, habe diesen Beruf aber nie ausüben dürfen. Stattdessen habe ich zunächst als Assistentin für mehrere Bürgerschaftsabgeordnete (Hamburgische Bürgerschaft = Landesparlament) gearbeitet, habe dann das Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten geleitet, war als wissenschaftliche Referentin für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung in einer Bürgerschaftsfraktion tätig und bin nach den Wahlen 2001 mit der damaligen Sozialsenatorin als persönliche Referentin in die Sozialbehörde eingezogen.
2006 wechselte ich innerhalb des Hauses in die heutige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung. Dort arbeite ich zurzeit als wissenschaftliche Referentin in einem Projekt, das Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kita-Bereich voran-bringen soll.
Ende 2006 schlug dann der Nervenfresser erstmals zu. Zunächst mit einer Trigeminusneuralgie. Der Trigeminus heißt übrigens Willi, nicht zuletzt damit ich ihn, wenn er mich „nervt“, also schmerzt, besser beschimpfen und verscheuchen kann (Marke: „Willi, verpiss dich“). Später dann entwickelten sich neben Missempfindungen in Händen und Füßen und anderen „Begleiterscheinungen“ auch Gang- und Gleichgewichtsstörungen, die mich zunächst noch frei laufen ließen. Seit ein Schub aber weitere Verschlechterung gebracht hat, bewege ich mich außerhalb der Wohnung nur noch mit meinen Gefährten, die natürlich auch Namen haben: Luca (links) und Toni (rechts). Luca und Toni sind zwei blau-weiße Nordic-Walking-Stöcke, die seit der Reha im Mai 2010 meinen Gehstock abgelöst haben. Also: Vieles, was mich stört oder mir hilft, wird getauft. Eine große Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Nervenfresser, der MS, ist das allemal. Dazu kommt, dass ich mir im Laufe des Zusammenlebens mit dem Nervenfresser ein gut funktionierendes Unterstützernetzwerk aufgebaut habe.



