Knickebein zwischen Pudding und Blei

Ja, is denn scho Ostern? Nee, Knickebein diesmal einmal anders. Nämlich so:
Wenn ´s mich wieder ereilt, der Nervenfresser sich bemerkbar macht, dann nicht selten verstärkt auch mit Lasten. Das können innere und äußere sein.

Neulich morgens in Hamburg: Das Wetter gut, die Frisur hält. Auf nun also, ich brauche Mineralwasser-Nachschub. Der wurde in ausreichender Zahl (so acht 6er Packen) bei günstigen Begleitumständen auf Vorrat in der Garage gebunkert. Von dort ist es – egal welchen körperlichen und geistigen Zustand ich gerade habe – schließlich nicht so weit, wie vom Supermarkt nach Hause. Nun denn. Zwei Stockwerke nach unten und nur mit Toni an meiner Rechten relativ zügig zum Zielort. Zwischenetappe Garage. Kurze Rast, Tor auf, Toni kurz abgestellt. Mit der Linken zielsicherer Griff und ein 6er Pack raus aus der Garage, vor das Tor gestellt. Tor zu, Toni in die Rechte, 6er Pack in die Linke. Und dann von der Garage auf der anderen Straßenseite über den hiesigen Parkplatz in das Haus – So der Plan, aber ich werde schon immer langsamer. Rast auf halber Strecke. Flaschen abstellen, etwas mehr auf Toni stützen, verschnaufen, Beinmuskeln lockern. Ein kurzer Gedanke: Wenn mich jetzt einer sieht, was der wohl denkt, wenn ich mich so schüttele…Egal!
Weiter! Das Ziel ist schließlich noch nicht erreicht. Vor der Haustür die nächste Rast. Ich stelle die Flaschen wieder ab und schließe auf. Flaschen hoch, Toni auch, denn gleich habe ich ein Geländer. Mit dem Hinterteil wird die Tür aufgehalten. Ich bin drin. Aber ich muss auch noch in den zweiten Stock, in meine Wohnung. Und ich schleppe mich (euphemistisch beschrieben schon kein Fliegengewicht), meine Beine und 6 Mineralwasserflaschen à 1,5 Liter. Erster Treppenabsatz: Geht noch…
Auf der Hälfte zum zweiten Treppenabsatz will das linke Bein wegknicken. Ein kurzer Stromstoß durchzuckt mich und ich merke dieses Schlagen im Knie. Aber ich kann mich in Sekundenbruchteilen abfangen, eine kurze Pause reicht und ich bin da. Zweiter Stock, vor meiner Wohnung. Die Flaschen werden noch einmal abgestellt. Ich lehne mich, damit ich nicht umfalle, an die Wand und schließe auf. Dann nur noch rein. Die Flaschen in den Flur gepackt. In die Küche bringe ich sie später. Das Sofa wartet erst mal auf mich. Pause für Knickebein und Co.
Ich habe also Knickebein, nur meines ist nicht süß!

Ein paar Wochen später. Unendlich mühsam sind alle Strecken zu Fuß. Draußen war vor einer Woche noch Winter mit erheblichen Minustemperaturen und ganz viel Schnee. Dann ein plötzlicher Sinneswandel des Wettergottes. Frühling im Januar bei 12 Grad plus. Dann wieder runter auf 2-4 Grad plus. Das alles innerhalb von Stunden oder halben Tagen. Vielleicht ist es ja diese Launenhaftigkeit, die meine Beine vollpumpt und ummantelt mit Blei, hoffe ich wenigstens. Ich gehe nicht, ich schleppe. Und diesmal keine Flaschen, sondern nur mich. Auf dem Weg zur Arbeit überholt mich grüßend ein Kollege im Rollstuhl. Ältere Damen mit Rollator war ich an Tagen wie diesem schon auf der Pole Position gewöhnt, aber der Rolli… Na ja, denke ich, soll´s heute eben mal wieder ganz extrem langsam gehen. Luca und Toni sind nun auch keine große Hilfe mehr. Sie werden bis zur Belastungsgrenze gefordert. Bin ich froh, als ich nach weiteren gefühlten Kilometern meinen Bürostuhl erreiche. Und im Bürogebäude brauche ich heute, wo sonst Toni reicht, auch Luca. Motto mal wieder: Je länger (die Strecke), desto langsamer (bin ich). Und die Flure sind verdammt lang. Und ich bin langsamer als langsam und dann auch noch das:
Zum Blei kommt Pudding. Schwer und kaum zu heben und dann auch noch wackelig wie Götterspeise sind meine Gräten. Meine Güte, hat der Nervenfresser sich heute wieder ein Menu zusammengestellt. Ihm schmeckt´ s offenkundig.
In mir beginnt der innere Monolog. Hoffentlich hat der bald aufgegessen, ist satt und will das nicht jeden Tag, sage ich mir. Jedenfalls versagt an dieser Stelle meine Höflichkeit. Ich wünsche keinen Guten Appetit!

Bloghaus-MS Gastautorin Claudia Georgi:
Ich wurde 1963 in Hamburg geboren, wo ich heute noch zu Hause bin. Ich interessiere mich für Menschen, lese leidenschaftlich gern, gucke Fußball und Handball im TV und liebe Musik, solange man eine Melodie erkennen kann und sie gut gemacht ist. Eigentlich bin ich Lehrerin, habe diesen Beruf aber nie ausüben dürfen. Stattdessen habe ich zunächst als Assistentin für mehrere Bürgerschaftsabgeordnete (Hamburgische Bürgerschaft = Landesparlament) gearbeitet, habe dann das Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten geleitet, war als wissenschaftliche Referentin für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung in einer Bürgerschaftsfraktion tätig und bin nach den Wahlen 2001 mit der damaligen Sozialsenatorin als persönliche Referentin in die Sozialbehörde eingezogen.

2006 wechselte ich innerhalb des Hauses in die heutige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung. Dort arbeite ich zurzeit als wissenschaftliche Referentin in einem Projekt, das Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kita-Bereich voran-bringen soll.

Ende 2006 schlug dann der Nervenfresser erstmals zu. Zunächst mit einer Trigeminusneuralgie. Der Trigeminus heißt übrigens Willi, nicht zuletzt damit ich ihn, wenn er mich „nervt“, also schmerzt, besser beschimpfen und verscheuchen kann (Marke: „Willi, verpiss dich“). Später dann entwickelten sich neben Missempfindungen in Händen und Füßen und anderen „Begleiterscheinungen“ auch Gang- und Gleichgewichtsstörungen, die mich zunächst noch frei laufen ließen. Seit ein Schub aber weitere Verschlechterung gebracht hat, bewege ich mich außerhalb der Wohnung nur noch mit meinen Gefährten, die natürlich auch Namen haben: Luca (links) und Toni (rechts). Luca und Toni sind zwei blau-weiße Nordic-Walking-Stöcke, die seit der Reha im Mai 2010 meinen Gehstock abgelöst haben. Also: Vieles, was mich stört oder mir hilft, wird getauft. Eine große Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Nervenfresser, der MS, ist das allemal. Dazu kommt, dass ich mir im Laufe des Zusammenlebens mit dem Nervenfresser ein gut funktionierendes Unterstützernetzwerk aufgebaut habe.



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