Dummheit und Arroganz

Neulich, an einer Straßenecke in der Innenstadt. Ich bin auf dem Weg zum Arzt, will mit Luca und Toni an meinen Seiten links abbiegen und muss stehen bleiben. Vor mir – eine Handbreit über dem Trottoir – zwei schwarze Knopfaugen in einem schneeweißen Fellknäuel. Das ganze Paket ist per Teleskopleine verbunden mit einer ebenso schneeweißen Blondine. Dem Anschein nach so Mitte dreißig und – schnepfig. Einen Meter daneben eine Gesichtsältere, sich für unwiderstehlich haltende, aufgespritzte Kunstblondine, ebenso schnepfig.

Ich stehe also. An den chlorgebleichten, frisch gebadeten und geföhnten Fifi richten sich die Worte der Leinenführerin, mit erhobener Stimmlage und eben schnepfigem Tonfall: „Komm Schatz! Nun komm!“ Fifi wird mit der Leine gleichzeitig heran gezoomt und ich kann endlich losgehen. Wohl spürend, dass Luca, Toni und ich herablassend von Kopf bis Fuß abgescannt werden. Ich bin vielleicht zehn Meter weiter, da höre ich die Alte, betont so laut, dass ich es hören muss: „Die hat wohl ihre Ski vergessen!“ Ich verharre, kann nicht anders und höre mich hinterher rufen, mit aller Verachtung, die ich nun in der Lage bin zu äußern: „So ein dummer Kommentar! Ich bin gehbehindert!“. Ich schiebe noch ein „Erst denken, dann sprechen!“ hinterher.

Der Rest ist Schweigen. Sie drehen sich nicht mehr um. Nach ihrem Verhalten nenne ich die beiden im Stillen „Dummheit“ und „Arroganz“. In einer noblen Einkaufsstraße wie dieser sind sie weit verbreitet und bilden oftmals eine unheilige Allianz.
Wieder frage ich mich, ob meine Reaktion richtig war. Manchmal hat man eben die Nase voll vom Schweigen, Schlucken und Ertragen. Da muss das raus!

Claudia Georgi mit ihren ständigen Begleitern Luca und Toni.Beim Arzt angekommen, bin ich immer noch voller Wut über die Begegnung. Eine ganz normale Ansprache angesichts der beiden, blau-weißen Nordic Walking Stöcke, die für mich außerhalb der Wohnung unverzichtbar wurden, stört mich nicht. Wie oft werde ich gefragt, in normalem Tonfall, ohne diesen überheblichen Unterton, ob ich schon um die Alster gewalkt sei. Dann erkläre ich, warum Luca und Toni bei mir sind und alles ist gut. Die Schnepfen eben aber hatten eine ganz andere Qualität. Das war nach dem Motto, was ungewöhnlich und nicht perfekt ist, hat hier nichts zu suchen. Das war Ausgrenzung und macht mich deshalb wohl so wütend. Ein Lachen bricht schließlich die Wut, nachdem ich die Episode in der Arztpraxis erzählt habe und einen ganz trockenen Kommentar höre. „So einen Hund dürfen Sie gar nicht streicheln, sonst fällt die Frisur zusammen“. Damit ist alles wunderbar auf den Punkt gebracht.

Ein paar Tage später, in einer Parfümerie in der Nähe: Die Verkäuferin hält mich angesichts von Luca und Toni für sehr sportlich. Ganz nett fragt sie, ob ich schon gewalkt sei. Ich erkläre und wir kommen ins Gespräch. Dabei erzähle ich von meiner Begegnung mit „Dummheit“ und „Arroganz“. Sie sagt, solche kenne sie. Es sei einige Zeit her, da habe sie einen Sehnenriss in der Hand gehabt und einer Kundin Nagellack vorführen wollen. Die Flasche sei aufgrund der vorübergehenden Behinderung nicht sofort aufgegangen. Sie habe sich bei der Kundin für die Verzögerung entschuldigt, worauf die nur sagte: „Das ist mir doch egal. Sie arbeiten hier und da kann ich ja wohl erwarten, dass das klappt“.
Ich bin überzeugt, solche stehen sich in der Regel selbst im Wege. Erheben sich über andere und meinen, es zählten nur sie. Freut euch bloß nicht zu früh…

Nachtrag:
Ein Mann hat neulich gesagt: „Je mehr man liest, desto dümmer wird man!“ Ich stelle fest, dass manche wohl zu viel gelesen haben…


Bloghaus-MS Gastautorin Claudia Georgi:

Ich wurde 1963 in Hamburg geboren, wo ich heute noch zu Hause bin. Ich interessiere mich für Menschen, lese leidenschaftlich gern, gucke Fußball und Handball im TV und liebe Musik, solange man eine Melodie erkennen kann und sie gut gemacht ist. Eigentlich bin ich Lehrerin, habe diesen Beruf aber nie ausüben dürfen. Stattdessen habe ich zunächst als Assistentin für mehrere Bürgerschaftsabgeordnete (Hamburgische Bürgerschaft = Landesparlament) gearbeitet, habe dann das Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten geleitet, war als wissenschaftliche Referentin für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung in einer Bürgerschaftsfraktion tätig und bin nach den Wahlen 2001 mit der damaligen Sozialsenatorin als persönliche Referentin in die Sozialbehörde eingezogen.

2006 wechselte ich innerhalb des Hauses in die heutige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung. Dort arbeite ich zurzeit als wissenschaftliche Referentin in einem Projekt, das Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kita-Bereich voran-bringen soll.

Ende 2006 schlug dann der Nervenfresser erstmals zu. Zunächst mit einer Trigeminusneuralgie. Der Trigeminus heißt übrigens Willi, nicht zuletzt damit ich ihn, wenn er mich „nervt“, also schmerzt, besser beschimpfen und verscheuchen kann (Marke: „Willi, verpiss dich“). Später dann entwickelten sich neben Missempfindungen in Händen und Füßen und anderen „Begleiterscheinungen“ auch Gang- und Gleichgewichtsstörungen, die mich zunächst noch frei laufen ließen. Seit ein Schub aber weitere Verschlechterung gebracht hat, bewege ich mich außerhalb der Wohnung nur noch mit meinen Gefährten, die natürlich auch Namen haben: Luca (links) und Toni (rechts). Luca und Toni sind zwei blau-weiße Nordic-Walking-Stöcke, die seit der Reha im Mai 2010 meinen Gehstock abgelöst haben. Also: Vieles, was mich stört oder mir hilft, wird getauft. Eine große Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Nervenfresser, der MS, ist das allemal. Dazu kommt, dass ich mir im Laufe des Zusammenlebens mit dem Nervenfresser ein gut funktionierendes Unterstützernetzwerk aufgebaut habe.



2 Kommentare

  1. Beate

    Mittwoch, 26. Januar 2011 um 22:39 | Kommentar melden.
     

    Hihi, es scheint jede Menge “Dummheit” und “Arroganz” zu geben.. weit über Deutschland fein verteilt, damit auch jeder Landstrich in den Genuss kommt ;-)
    Ob die alle verwandt sind? Cousinen und Cousins?
    Ohje… da hilft viel viel Gelassenheit! Und manchmal auch eine Lästerepisode – das erdet und hilft ungemein!! :-)

    Liebe Grüße,
    Beate

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  2. Sylke

    Sonntag, 6. Februar 2011 um 10:54 | Kommentar melden.
     

    Hej Claudia,

    also ich kann dazu nur “Die Ärzte” zitieren (CD: Jazz ist anders, 2007; Song: Lasse redn).

    [...]
    Lass die Leute reden, denn wie das immer ist:
    Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres
    Und ein wenig Heuchelei kannst du dir durchaus leisten
    Bleib höflich und sag nichts – das ärgert sie am meisten [...]

    Viele Grüße,

    Sylke

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