Die Vierhügelplatte
Für mich war sie eine Neuentdeckung. Ihre Existenz war mir bis vor kurzem völlig unbekannt.
Wenn du diesen Namen hörst, denkst du vielleicht an ein neues Reiseziel, unent-deckt bisher, irgendwo im Gebirge, eventuell in den Alpen gelegen!? Wie toll, oder? Klingt auch irgendwie nach Refugium, Geheimtipp, nur per Mund zu Mund Empfeh-lung verraten. Ein See in der Nähe, eine blühende Wiese, braune Kühe, die friedlich in der Sonne grasen. Auf halber Höhe zum Gipfel liegt das Ziel. Eine idyllische, schlichtweg romantische Vorstellung. Wunderschön ist es da. Du hörst die Kuhglocken, riechst frisch gemähtes Heu und siehst die Holzhütte und eine alte, furchige Sennerin vor dir, gebückt von jahrzehntelanger Arbeit. Und doch glücklich. Träume, Vorstellungen, Assoziationen… Hervorgerufen einzig und allein durch diesen verklärenden Namen.
Die Wahrheit, die ich erfuhr, ist viel schlichter:
Die Vierhügelplatte ist ein kleiner, fast versteckter Ort in meinem Gehirn. Sie ist die Heimat meiner zeitweiligen Koordinationsstörungen. Wenn meine Augen mal wieder nicht Willens sind zusammenzuarbeiten, rechts oder links neben mir alles im Verschwommenen verwischt, sich das linke Auge langsamer bewegt als das rechte, dann weiß ich jetzt, der Nervenfresser hat sich für einen Kurzaufenthalt eine gemütliche Bleibe gesucht. Und er hat sie gefunden. Stammgast ist er dort inzwischen und er fühlt sich sauwohl, so lange, bis er erstmal wieder weiter zieht. „Weißt du wohin…?“, trällert er mich an. Ich will es gar nicht wissen, oder doch? Wer weiß!? Ich bin mir da nicht sicher…
Der Traum vom Alpenpanorama, die Vorstellung der Idylle hat auf alle Fälle auch etwas Tröstliches, etwas Schönes sogar.
Und Träumen muss erlaubt sein!
Also gibt es da in meinem Hirn einen wunderschönen Ort, das kleine unentdeckte Idyll, in dem der Nervenfresser gelegentlich wohnt, ohne dass dafür Foto-Beweise, Schnappschüsse seines Aufenthaltes dies dokumentieren könnten.
So lange er nach kurzer Zeit immer wieder verschwindet und das Weite sucht, will ich mir das gerne so vorstellen.
Bloghaus-MS Gastautorin Claudia Georgi:
Ich wurde 1963 in Hamburg geboren, wo ich heute noch zu Hause bin. Ich interessiere mich für Menschen, lese leidenschaftlich gern, gucke Fußball und Handball im TV und liebe Musik, solange man eine Melodie erkennen kann und sie gut gemacht ist. Eigentlich bin ich Lehrerin, habe diesen Beruf aber nie ausüben dürfen. Stattdessen habe ich zunächst als Assistentin für mehrere Bürgerschaftsabgeordnete (Hamburgische Bürgerschaft = Landesparlament) gearbeitet, habe dann das Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten geleitet, war als wissenschaftliche Referentin für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung in einer Bürgerschaftsfraktion tätig und bin nach den Wahlen 2001 mit der damaligen Sozialsenatorin als persönliche Referentin in die Sozialbehörde eingezogen.
2006 wechselte ich innerhalb des Hauses in die heutige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung. Dort arbeite ich zurzeit als wissenschaftliche Referentin in einem Projekt, das Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Kita-Bereich voran-bringen soll.
Ende 2006 schlug dann der Nervenfresser erstmals zu. Zunächst mit einer Trigeminusneuralgie. Der Trigeminus heißt übrigens Willi, nicht zuletzt damit ich ihn, wenn er mich „nervt“, also schmerzt, besser beschimpfen und verscheuchen kann (Marke: „Willi, verpiss dich“). Später dann entwickelten sich neben Missempfindungen in Händen und Füßen und anderen „Begleiterscheinungen“ auch Gang- und Gleichgewichtsstörungen, die mich zunächst noch frei laufen ließen. Seit ein Schub aber weitere Verschlechterung gebracht hat, bewege ich mich außerhalb der Wohnung nur noch mit meinen Gefährten, die natürlich auch Namen haben: Luca (links) und Toni (rechts). Luca und Toni sind zwei blau-weiße Nordic-Walking-Stöcke, die seit der Reha im Mai 2010 meinen Gehstock abgelöst haben. Also: Vieles, was mich stört oder mir hilft, wird getauft. Eine große Hilfe in der Auseinandersetzung mit dem Nervenfresser, der MS, ist das allemal. Dazu kommt, dass ich mir im Laufe des Zusammenlebens mit dem Nervenfresser ein gut funktionierendes Unterstützernetzwerk aufgebaut habe.
Von all dem kann und möchte ich gelegentlich berichten und freue mich, am blog-haus-ms mitzubauen.




Beate
Donnerstag, 30. Dezember 2010 um 18:16 | Kommentar melden.
Liebe Claudia,
erstmal ♥lich Willkommen unter den Autoren von bloghaus-ms und Danke für die ausführliche Vorstellung!
Ich persönlich bin schon von Deinem 1. Blogeintrag ganz gefangen und werde ganz interessiert weiter verfolgen, wie es Dir mit Deinen Mitbewohnern Willi, Luca und Toni so ergehen wird.
Ich freue mich auf weitere Einträge von Dir und wünsche Dir ein gutes neues Jahr 2011!
Lieben Gruß,
Beate
- stay tuned! -
Claudia
Montag, 10. Januar 2011 um 16:32 | Kommentar melden.
Liebe Beate,
vielen Dank für den Willkommensgruß und die Wünsche zum Jahr!
Es sollen in der Tat noch weitere Beiträge folgen.
Insofern: Immer heiter weiter!
Und allen, die das lesen ebenfalls ein glückliches und erfreuliches 2011!
Beste Grüße
Claudia Georgi
Bianka Tichy
Freitag, 14. Januar 2011 um 12:21 | Kommentar melden.
Liebe Claudi,
nun melde ich mich einmal der Kommentarseite.
Möchte doch einmal sehr betonen, wie bewunderswert ich deine Haltung bezogen auf deine Krankheit finde. Ich als sogenannte Gesunde kann mir sehr viel aus unseren Gesprächen, Telefonaten, deinen Gedanken und Kommentaren für mein (wie ich manchmal meine, anstrengendes Leben (lachhaft) ziehen.
Lass dich knuddeln und ein gutes 2011
deine Bianka