Sehnsucht nach nirgendwo
Im Sommer kommt es mich manchmal hart an. Wenn am offenen Fenster die Fahrradfahrer vorbei radeln, vielleicht sogar freihändig, ein Badetuch und einen Fußball auf den Gepäckträger geklemmt, in einer Hand ein Eis oder das darin festgewachsene Handy. Dann überlege ich, wo sie wohl hinfahren, zur Isar oder in eines der Freibäder? Ob sie wohl heute Abend auch grillen? Und dann überfällt sie mich, die Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben. Sie lässt die Schatten der Wirklichkeit des meinen noch schärfer hervortreten. Wie leicht sich das anfühlen muss, so unbeschwert zu sein! Jeden Augenblick in voller Freiheit zu entscheiden, wohin man fährt, keine Grübeleien, wo im Freibad die Toiletten wären und wie glitschig wohl der Boden. Ohne Rollstuhl oder Krücken. Was für ein Sommer läge da vor einem, was für Möglichkeiten!
Aber halt. Es ist ja nie das ganze Leben, das man gern hätte von einem Fremden, sondern nur der eine Sonntagvormittagsausschnitt davon. Man will weder die zickige Freundin noch den Heuschnupfen oder den paranoiden Chef. Je länger man nämlich hineinschaut, in so ein fremdes Schicksal, desto mehr gruselt einem ja. Und mit ein bisschen Phantasie kann man sich einen Rest dazu denken, der einem garantiert nicht gefällt: ein Schwiegermuttermonster, einen Schlagzeuger als Nachbarn … Da bleibe ich doch lieber ich, solange ich noch kann. Da weiß ich wenigstens, was ich habe, auch ohne Schwimmbad.
In solchen Momenten bin ich dankbar dafür, dass mein Dämon mich erst so richtig an den Wickel bekommen hat, nachdem ich schon viele Sommer in Freibädern verbracht habe. Und als Gegenprogramm gegen die Sehnsucht denke ich dann an Stechmücken, Kindergeschrei und unfreundliche Bademeister. Und eines steht ja auch fest: Die schönsten Freibäder sind immer die in der Vorstellung. In ihr, nicht in Medikamenten, liegt der verborgene Schlüssel zur Heilung.
Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 10. September.



Claudia
Freitag, 27. August 2010 um 14:46 | Kommentar melden.
Joh, so ist das. Vermeintliche Unbeschwertheit des Sommers. Ein leichteres Leben der anderen? Behinderungen ausgeblendet. Wie schön das wär. Denkste Puppe! Auch die haben ihre Behinderungen, nicht sichtbar vielleicht und möglicher Weise ganz woanders angesiedelt als dort, wo man gemeinhin sucht. Einsamkeit und das Unvermögen, ihr zu entrinnen. Neid und Missgunst als Blockierer, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Psychovampire, die ausnutzen und Entfaltung verhindern. Und schließlich die Unfähigkeit der Selbstbesinnung, -wahrnehmung und -reflektion, geboren zum Beispiel aus der Ehe von Vermeidung und Verdrängung. Das sind Behinderungen, die von ihren Inhabern oft gar nicht oder erst ausgesprochen spät bemerkt werden, die kein Katalog erfasst und kein Ausweis dokumentiert.
Klar, es gehört zur Widersprüchlichkeit des Lebens mit dem Dämon, sich dessen bewusst zu sein und trotzdem Sehnsucht zu spüren. Aber verdammt, sie ist doch auch Zeugnis der Auseinandersetzung mit mir selbst, mit dem was war, was ist und sein wird. Der Dämon hat mir die Chance gegeben, mich (neu) zu erleben und entdecken. Er hat mich genötigt, das alte Leben im Hamsterrad mit all seinen Behinderungen der anderen Art, in ein neues, wesentlich bewussteres zu verwandeln. Spannend ist das. Spannend auch, was ich bei mir und anderen beobachte. Daraus entstehen Vorstellungen, Kino im Kopf, die Kraft- und Energiequellen und – Scheiß auf meine Stöcke, die Kühlweste, Spritzen und Medikamente – da ist so viel mehr…
Andrea Ceol
Freitag, 3. September 2010 um 10:38 | Kommentar melden.
Vielleicht ist das der beste Kommentar zu diesem Artikel :
http://www.youtube.com/watch?v=hLE8Ec5sWzU&feature=related