Infusionsgedanken

Es ist wieder einmal so weit. Ich lege mich auf die Liege und zerreiße dabei wie immer die dünne Papierauflage. Während ich warte, bis die Arzthelferin das Kortison aufmischt, rechne ich hoch, die wievielte Infusion das denn nun sein könnte. Doch kurz bevor ich zu einem Ergebnis komme, hält sie das Fläschchen triumphierend in die Höhe und ruft aus: „So, jetzt kann’s auch schon losgehen!“

Ich schließe aus alter Gewohnheit die Augen – irgendwann bei den ersten Malen wurde ich noch ohnmächtig von der Prozedur – und kann doch an jedem Geräusch ablesen, was sie gerade macht: Flasche einhängen, Klebeband abreißen, die Nadel aus der Verpackung drücken … Dann das Band um den Oberarm, die Faust geballt und der kleine Stich. Mehr die Erinnerung an einen Schmerz als ein Schmerz selbst. Fertig.

Ich öffne die Augen wieder, über mir schwebt das Fläschchen, aufgeregte Tropfen fallen in die Ausbuchtung und verschwinden in dem Schlauch. Ich versuche, ihre Spur zu verfolgen bis in meinen Arm. Aber sie entgleiten mir, ich spüre nur eine angenehme Kühle, wie etwas in mich einfließt, was ich nicht fassen kann. Ab da bin ich vollkommen ruhig. Die ersehnten Augenblicke sind dann die, wenn die Arzthelferin das Zimmer verlassen hat, bei angelehnter Tür. Nachdem sie mir wie immer versprochen hat, bald wieder nach mir zu sehen. Irgendwo klingeln Telefone, werden Termine ausgemacht, Rezepte ausgeschrieben, dreht sich das Räderwerk des Leidens weiter …

Aber ich bin für ein paar Minuten ganz mir selbst gegeben. Die Zeit gehört ganz mir. Mein Leben kommt tröpfchenweise zum Stillstand, vollkommenere Entschleunigung gibt es nicht. Ich drehe an dem Rädchen, um das Strömen noch etwas hinauszuzögern, die Arzthelferin schaut kurz herein und verschwindet wieder, und dennoch weiß ich, dass ich bald wieder hinaus muss, in die Welt, und genau das macht mich glücklich für diesen einen Moment des Innehaltens.

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 27. August.



3 Kommentare

  1. Claudia

    Freitag, 13. August 2010 um 14:24 | Kommentar melden.
     

    Dazu kommt noch eine Tischglocke wie an der Hotel-Rezeption. “Wenn was ist, klingeln Sie! Ich lasse die Tür angelehnt”. Tropf, Tropf, Tropf… Für ca. eine Stunde die Welt ausgesperrt. Das Buch vor mir auf der Liege (Infusion auch mal im Sitzen), den rechten Arm mit Schlauch ausgestreckt, der linke reicht zum Umblättern. Aber eigentlich kann und will ich mich nicht beschäftigen. Müßiggang ist wertvoll. Auf mich selbst zurückgeworfen registriere ich Dinge, die sonst der Wahrnehmung verschlossen blieben. Ordne Stimmen zu, die ich höre, verfolge Nöte von Patienten, die Geduld der Helfenden und dann ist er da…
    Keine 5 Minuten: im Mund ein Geschmack nach Metall. In der Folge der Versuch, irgendwie mit Anis-Bonbons gegenzusteuern. Nützt nix. Aber wenn´s hilft!
    Tropf, Tropf, Tropf… Ich beobachte, wie sich die Flasche ganz langsam leert. Dann der Arzt: “Wie isses?”. “Alles ok!”. Dann wieder mit der Flasche allein. Im gleichen Tempo wie sie sich leert kommt das Blut in den Kopf. Der ist jetzt bestimmt schön rot. Am Ende der Flasche häufen sich ganz viele kleine Bläschen, die alle noch als große Tropfen raus wollen. Das allerdings geht ratzfatz – Flasche leer! Und durchatmen. Es folgt die Schwester “Na, da haben Sie´s ja wieder geschafft”. Schlauch entfernt, Pflaster drüber. Was bleibt ist der rote Kopf, diesmal nicht aus Verlegenheit. Und raus in das jetzt irreal wirkende Leben. Mit Tunnelblick – Passanten rauschen vorbei – nach Hause, Sofa, schlafen…
    Und morgen dasselbe noch mal.
    Aber der countdown läuft: 5, 4, 3, 2, 1 und Schluss für diese Runde.
    Es bleibt die Frage: Sind die geschärften Sinne und die Wahrnehmung des gemeinhin Verborgenen Folgen der Entschleunigung?
    Ich denke, der Blick auf die Welt hat sich verändert.

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  2. Stefan

    Montag, 16. August 2010 um 15:49 | Kommentar melden.
     

    Leider kann ich mich nur zu gut daran erinnern:
    an die Hoffnung.

    Die Hoffnung, dass die letzte Infusion aktuelle Stoßtherapie für die nächsten Monate wirklich die letzte ist und bleibt.

    3-4 Wochen später: der Schub realisiert sich: Sensibilitätsstörungen/Taubheitsgefühle.

    Und wieder ruft die Klinik bzw. die Praxis:

    “Der nächste bitte!”

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  3. Eva Druck

    Mittwoch, 18. August 2010 um 19:46 | Kommentar melden.
     

    Ja, diese “Entschleunigung” ist fast schon eine Sucht, eine lieb gewonnene Einkehr in sich selbst…Dieses Gefühl der Zufriedenheit während einer körperlich beängstigenden Phase eines Schubes habe ich speziell nach der Lumbalpunktion (also wo man es vorzieht, fünf Tage absolutes Flachliegen zu praktizieren, noch dazu mit täglichen Cortisoninfusionen) besonders intensiv wahrgenommen. Es ist ein Zustand von Lethargie, Träumen, Woanders-sein, von Langsamkeit und Trauer, Stille, von lang ersehnter Ruhe…als ob Charon einem persönlich zu einer Spritztour eingeladen hätte. Hat er auch…

    Aber durch dieses Gefühl der Ruhe übersieht man leicht den Teufelskreis, der bereits begonnen hat. Die Psyche verbindet fast mit jedem Schub eine Geborgenheit. Der Körper gewöhnt sich, braucht diese Droge.

    Nach unzähligen tiefsten Abstürzen, höchsten Euphorien und unendlichen Gesprächen mit mir und meinem Körper habe ich es geschafft – kein Cortison, keine Medikamente, kein Kranksein mehr…was bleibt, ist ein alles überflutendes Glücksgefühl und ein Lächeln im Gesicht…selbst nach elf Jahren dämonischem Dasein…!

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