Wie geht’s?
Immer wieder ist es dasselbe. Ich raffe mich nach zermürbendem innerlichen Hin und Her (Schaff ich das? – Stell dich nicht so an!) schließlich auf, zu einer Party zu gehen und bestelle das Taxi. Sobald ich dann endlich am Ort des Geschehens bin, sind die Skrupel von vorher bereits vollkommen vergessen.
„Schön, dass du da bist“, begrüßt mich der Gastgeber und bittet gleich einmal jemand, einen Platz für mich frei zu machen. Fröhlich tappse ich ihm also mit meinen Krücken zu einer Bierbank hinterher und lasse mich nieder. Und noch bevor ein übervoller Teller vor mir steht, setzt sich auch schon jemand neben mich mit einer Bierflasche in der Hand und der Frage: „Hast du’s auch im Knie?“ Beim ersten Mal gelingt es mir meistens noch, etwas Unverständliches in mich hineinzumurmeln wie „Nein, im Kopf“ und dann rasch das Thema auf das Grillgut, das Wetter oder die Vorzüge Münchens im Allgemeinen zu lenken. Aber ich kann sicher sein, irgendwann am Abend passiert es. Auf die Frage, wie es mir ginge, antworte ich nicht sofort sondern mit einer Verzögerung von ein paar Sekunden. Und dann so gewunden, dass garantiert die Rückfrage kommt, was denn los sei. Und schon ist man wieder mittendrin im schönsten Krankheitstalk.
Trotz mehrjähriger Erfahrung habe ich immer noch keine ideale Lösung gefunden, um die Widersprüche meiner Existenz auf den Punkt zu bringen: „Sehr gut“ wäre eine glatte Lüge, „Miserabel“ aber genauso. Auf der einen Seite fühle ich mich der Wahrheit verpflichtet und bin auch der Meinung, dass ich und mein Schicksal jedem zumutbar sind, auf der anderen Seite möchte ich nicht wieder einen ganzen Abend über Krankheitsverlauf und Therapiemöglichkeiten dozieren. Wie gesagt, eine ideale Lösung habe ich nicht, aber am nächsten kommt ihr eine bayerische Wendung, die ich jeden Tag vor dem Spiegel einübe. Ich lächle also, wiege den Kopf und sage: „Passt scho.“
Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 14. August.



Beate
Freitag, 30. Juli 2010 um 11:20 | Kommentar melden.
Hey Max,
“passt schon” und auch fränggisch “bassd scho” ist an sich der genau richtige Ausdruck.
Denn:
Wer Dich gut kennt, weiß, wie Du Dich fühlst oder merkt, wenn und dass etwas nicht passt.
Wer Dich nicht gut kennt, gibt sich meist mit dieser Antwort zufrieden und hakt nicht groß nach.
Ergo: passt schon passt schon ;-)
LG,
Beate
Claudia
Freitag, 30. Juli 2010 um 14:02 | Kommentar melden.
„Dafür, dass es mir beschissen geht, geht´s mir eigentlich gut“, habe ich schon mal geantwortet. Ein Testballon, der – alle Widersprüche umfassend – aufstieg, um sogleich Unverständnis beim Gegenüber anzuzeigen und eine große Pause zu erzeugen. Floskelt man doch die Frage „Wie geht´s?“ gemeinhin nicht in dem Begehren einer aufrichtigen, differenzierten Antwort, sondern vielmehr in der Absicht entweder schnell zur Tagesordnung überzugehen (Antwort muss dann lauten „Gut!“) oder – wie bei gesellschaftlichen Zusammenkünften üblich – um ins Gespräch zu kommen. Sobald aber nicht „gut!“ die Antwort ist oder irgendetwas Unerwartetes an dessen Stelle tritt, sitzt der Befragte in der Falle, genau wie bei der Frage nach der Befindlichkeit des Knies.
Schon geht´s los…
Beim Krankheitstalk ganz großartig ist auch die Variante, die mit dem Versuch einer ehrlichen Antwort beginnt, was der Gesprächspartner dann aber als Aufforderung versteht, zu einem „Das kenne ich, als ich damals….“ anzuheben und danach einen Strauß der Krankengeschichte von der eigenen frühen Kindheit bis zum Greisenalter der Angehörigen (selbstverständlich inklusive Tanten, Onkel und sämtliche Verwandten zweiten dritten und vierten Grades) preis zu geben. Wobei die ganze Palette vom Schnupfen bis zu Meniskusschäden und Demenz gestreift wird.
„Wie geht´s?“ als Anfang vom Ende eines interessanten Gesprächs.
Das eingeübte „Passt scho.“ könnte ein Ausweg sein.
Nur, dass der gemeine Norddeutsche – und von denen bin ich als Hamburgerin nun mal täglich umgeben – das oft genug nicht versteht. Aber vielleicht wär´s den Versuch doch mal wert…
Als Alternative zur Befreiung mag auch die eingangs beschriebene Antwort dienen, bringt sie doch „die Widersprüche der eigenen Existenz auf den Punkt“. Ziemlich drastisch zwar, aber lässt du die Pause stehen (echt schwer auszuhalten, verlangt regelmäßige Praxistests unter Real-Bedingungen), und erträgst den verwirrten Blick im Antlitz des Fragestellers, kann das Thema nach Wunsch gewechselt werden.
Also: Raus aus der Falle! Das Ende ist der Anfang!
Silja
Freitag, 30. Juli 2010 um 20:29 | Kommentar melden.
Nun ja, da ich als OP.Schwester (noch) tätig bin, kenn ich diesen Gesprächsstoff schon von vielen Feiern, Veranstaltungen etc. Wenn dann mein Beruf fällt, kommt als nächstes die Gegenfrage: ” Wie hälts du es nur mit soviel Blut aus?” Meine Antwort ging meistens in die Richtung: ” Dafür kann ich keine Autos reparieren!” Ich denke man muß auch nicht jede Frage beantworten. Auf die Frage : ” Wie geht´s?” Antworte ich auch mal gerne mit der Gegenfrage :” Wollen sie eine ehrliche Antwort oder die allgemein gültige ?” Was meist beim gegenüber ein Schmunzeln auslöst. Und dann schnell das nächste Bier geordert ,oder was auch immer Themawechsel und man hat erstmal Ruhe. Gut, ganz Hartnäckige geben nicht so einfach auf und wollen es genau wissen. Aber wie gesagt, man muß nicht jede Frage beantworten! Die meisten Leute fragen eh nicht nach, weil sie einen grade kennengelernt haben und eigentlich kein Interesse an der Beantwortung haben! Und manchmal hilft auch nur entwaffnende Ehrlichkeit: ” Ich bin Krank! Keine Angst, ist nicht ansteckend! Aber ich möchte mich jetzt nicht damit Beschäftigen!” Großes staunen im Gesicht des gegenüber, kurzer Blick auf meine Krücken und schon redet man übers Wetter. Gut , die Leute sehen ein dann mit anderen Augen aber auch egal, meist sieht man sie eh nicht wieder.
DieLoewin
Donnerstag, 23. Juni 2011 um 14:38 | Kommentar melden.
habe auf die Frage “wie geht’s” mir eine gute Standard-Antwort für weniger gute Tage zurecht gelegt:
“Lügen will ich nicht, Jammern auch nicht – also reden wir über was anderes” – damit hab ich meist Erfolg *schmunzel* -
ein anders Thema oder Ruhe!