Sommermeditation
Seit einigen Jahren schon beschäftige ich mich mit der Münchner Volkssängerin Bally Prell. Vor vier Jahren wollte ich sogar einen Roman über sie schreiben. Ihr verdanken wir eines der schönsten Lieder über die Stadt an der Isar („Du schöne Münchner Stadt, sei tausendmal gegrüßt“ – viele, ich auch, können es nicht ohne Tränen in den Augen hören) und eine freiwillig-unfreiwillige Parodie auf die Wahl einer Schönheitskönigin. Zeitlebens trat sie mit diesen beiden Erfolgen auf. Als zunehmend korpulente Frau, eingenäht in ein blassrosa Kleid, mit einem Prinzessinnenkrönchen und einer Schärpe „Miss Schneizelreuth“: kurz und gut, eine Lachnummer. Zu der sie sich selbst gemacht hat.
Je tiefer ich in ihr Leben eindrang, durch Lektüre, durch Gespräche mit Zeitzeugen, desto widersprüchlicher wurde mir dieses. Auf der einen Seite der Erfolg, die Familie, das ständige Grinsen, auf der anderen eine fast grausame Abhängigkeit vom Vater, die ständigen Selbstdemütigungen … Ein Abgrund nach dem nächsten tat sich auf. Aber sie selbst scheint sich dieser Abgründe gar nicht bewusst gewesen zu sein. Hat sie darunter gelitten? Anscheinend nicht. Ein schwer behindertes Leben – und dennoch glücklich. Es kommt also auch immer darauf an, wer wessen Geschichte erzählt. Und aus welcher Perspektive.
Ich leite daraus für mich den Auftrag ab, mir meine Biographie nicht von der Krankheit her diktieren zu lassen, sie zumindest nicht als Tragödie zu gestalten, auch wenn sie von anderen so erzählt wird: Der arme junge Mann, der mit Mitte dreißig im Rollstuhl sitzt … Das ist auch so ein Widerspruch, den auszuhalten man lernen muss, dass es eben wirklich ein glückliches, oder sagen wir zumindest: geglücktes, Leben im Unglück gibt. Oder eben, dass man dick sein kann und gleichzeitig die Schönheitskönigin: „So eine Königin zu sein, ist nicht einfach nein, nein, nein …“
Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 30. Juli.



Claudia
Freitag, 16. Juli 2010 um 10:47 | Kommentar melden.
Lache Bajazzo! Strategie und Selbstinszenierung als Mittel, mit dem Unabänderlichen fertig zu werden. Nur wenige schauen hinter den selbst konstruierten Schutzwall und können empathisch mitlachen und -weinen – mitfühlen im positiven Sinne. Sie schaffen es auch, ein tiefer gehendes Lachen in dich zu zaubern. Das sind Freunde!
Vielleicht ist es so, dass Bedauern und Mitleid es den anderen erleichtern, Krankheit oder Behinderung vermeintlich von sich weg zu halten, eine Art Bann auszusprechen oder zu meinen, der Nervenfresser sei zu töten. So wie ein guter Ratschlag an mich mal lautete “Du musst einfach mal mehr spazieren gehen”. Bei höchstens 300 m Gehstrecke mit Hilfe von Luca und Toni (meinen beiden “Begleitern”: Nordic Walking Stöcke), zunehmender Spastik und was sonst noch so dazukommt, ein toller Tipp. Aber eben einfach ein probates Mittel, für die Behinderung einen Schuldigen zu suchen. So muss man sich nicht mehr damit befassen, hält sie von sich weg und — tritt von der Freundes- in die Bekanntenliste über.
Viel tiefer der Widerspruch im neuen Blick auf das Leben. Behinderung als Chance zur Entdeckung der Kopf-Körper-Schere – immer wieder frustrierend und Wut erzeugend. Aber auch als Chance zur Entdeckung der Langsamkeit. Die Beine bestimmen das Tempo, die Erschöpfung bestimmt die Pausenintervalle. Und insgesamt: Es geht (sich) auch langsam gut und der Kopf bekommt neue Ventile.
So spannend, wie viel zu lernen möglich ist!
Ein “geglücktes Leben im Unglück” – Der Weg ist das Ziel!
Beate
Mittwoch, 21. Juli 2010 um 13:42 | Kommentar melden.
Ein “geglücktes Leben im Unglück” – das finde ich einen treffenden Kommentar, liebe Claudia.
@Max: manchmal entdeckt man hinter einer tollen Fassade doch etliche Untiefen in einem Leben.
Lieben Gruß,
Beate
- stay tuned! -