Rollstuhl, die dritte. Ein halbes Jahr später

Ein halbes Jahr wohnt nun der Rollstuhl als Untermieter in meinem Schlafzimmer, mehr oder weniger gut hinter einem Regal versteckt. Aber trotz der Nähe hat sich keine tiefe Freundschaft entwickelt, eher ein Zweckbündnis. Bei meinen Ausflügen mit ihm pendle ich immer wieder zwischen: „Läuft doch prima!“ (gerade in Bahnhöfen oder in einem Museum bin ich inzwischen schneller und wendiger als die Passanten zu Fuß) und Verzweiflung (wenn ich zwischen Trambahngleisen fest hänge, wenn bei der Trambahn die Rampe nicht funktioniert). Und auch noch nach sechs Monaten erstaunt mich immer wieder aufs Neue, wie körperlich anstrengend Fortbewegung sein kann. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Da nutzt auch das ganze Hantel-Training nichts.

Das Leben mit Rollstuhl („mit“ gefällt mir besser als „in“) ist voller unvorhergesehener Überraschungen. Kaum fährt man, den Blick auf die U-Bahnstation gerichtet, und schwupps, ist da schon wieder ein blöder Bordstein. Wie bei dem Computerabenteuerspiel meiner Jugend, da hüpfte ein Mädchen zu einer aufdringlichen Melodie einen unendlichen Hindernisparkour entlang: Die Gräben, über die es springen musste, wurden immer tiefer und die dort lauernden Monster immer bösartiger … Das Spannende am Leben mit Rollstuhl ist jedoch, dass sich jeder Ausgang zum Ausflug weitet und oft genug auch zum Abenteuer.

Erschreckt war ich allerdings über die ersten Fotos von uns beiden. Ich sitze so zusammengesunken da, wie bestellt und nicht abgeholt. Der Rollstuhl macht mich kleiner, vor allem wenn man neben Stehenden abgelichtet wird. Dabei war das Sitzendürfen doch immer dem Ranghöheren, dem Älteren vorbehalten, es war Ausdruck von Macht. Die Diener standen, die Befehlsgeber saßen. Wie lautete gleich noch einmal mein Mantra? „Ich bin der König und dies ist mein Thron“ – oder so ähnlich.

Was ich mir nun für das nächste halbe Jahr wünsche, ist, dass ich weiterhin offen und dankbar für die vielen helfenden Hände bleibe. Denn davor habe ich am meisten Angst: auch noch im Herzen zu sklerotisieren.

Bild07_02

Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 16. Juli.



Kommentare

 
Web Analytics