Über Verzweiflung

Manchmal reicht ein Satzfetzen im Radio, und mir stehen die Augen voller Tränen. Eben wieder war es die Formulierung “übers Wasser gehen”, in einer Sendung im Radio. Sie hat etwas in mir zum Schwingen gebracht, und oft in solchen Situationen, ist Verzweiflung von Hoffnung nicht klar zu unterscheiden.

Aber über Verzweiflungsanfälle – oder soll man nicht doch besser Attacke sagen? – zu sprechen, ist besonders tückisch: Während man sie erlebt, erscheint einem die Gurgel zugedrückt, man bringt kein verständliches Wort heraus. Und kaum sind sie vorbei, beginnt man gleich wieder, sie zu verharmlosen. Vor sich selbst und vor anderen. Ich schiebe sie in den hintersten Winkel des Bewusstseins, freilich im Wissen, dass sie immer wieder hervor kriechen wird, um mich zu drangsalieren. Sie macht einen klein wie die Scham und einsam. Sie ist nicht gerecht. Sie erwischt einen immer allein oder weist einen mit Hohnlachen darauf hin.

Schon öfter wurde ich eher beiläufig gefragt: „Sie haben bestimmt auch hin und wieder schwarze Stunden.“ Eigentlich war es gar keine Frage, man braucht darauf nicht einmal zu antworten, ein Nicken reicht. Eine Verneinung würde einem eh niemand abnehmen. In dieser Frage steckt aber auch eine tröstliche Einsicht: Jeder kennt sie, keiner entkommt ihr.

Dennoch gleicht nicht jede Verzweiflungsattacke der anderen: Manche sind eng wie ein Brunnenschacht, andere, vielleicht sogar noch tiefere, breit wie ein Tal. Manchmal sieht man von unten ganz viel Himmel, der aber unerreichbar weit weg scheint oder nur einen kleinen Flecken, der dafür ganz tröstlich wirkt.

Mir hilft es, solche Bilder für ein Gefühl zu finden, das einen sprachlos macht. Sie mir vorzustellen, dann wird sie greifbar, auch wenn sie unheimlich bleibt. Man muss die Dinge zur Sprache bringen, das ist die effektivste Waffe. Sie allein kann ich auch dann einsetzen, wenn mich mein Körper im Stich lässt.

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 2. Juli



6 Kommentare

  1. Chaoskatze

    Freitag, 18. Juni 2010 um 20:02 | Kommentar melden.
     

    Danke.

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  2. Grinsekatze

    Samstag, 19. Juni 2010 um 12:02 | Kommentar melden.
     

    Mehr Lithium ins Trinkwasser!

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  3. Friederike

    Dienstag, 22. Juni 2010 um 16:11 | Kommentar melden.
     

    Der Titel dieser Kolumne
    “ÜBER VERZWEIFLUNG” und das fragwürdige Foto haben bei mir zunächst ein ungutes Gefühl hervorgerufen.

    Nachdem ich die ersten Sätze gelesen hatte, spürte ich dann aber völliges Ein-verständnis und Mit-gefühl. In Gedanken habe ich diesen fremden Menschen in den Arm genommen, eine Runde mit ihm geweint und den Trost genossen.

    Meine Ver-zweif(el)-ung ist u.a. eine Folge der Einsamkeit. Erst zerstörte eine Krankheit meinen vertrauten Körper, in dem ich jetzt keine Sicherheit und Geborgenheit mehr finde und doch bis zum Ende in ihm verhaftet bin und dann wurde ich meinen Mitmenschen fremd.
    Friederike mit Stock, Rollator, und Rollstuhl – kraftlos, müde und traurig!?

    Wer hat schon den Mut, die besondere Ver-antwort-ung einer Beziehung zu einem hilfsbedürftigen Menschen zu er-tragen?
    Diese Ablehnung ist oft schmerzhafter als die Krankheit – und macht mich mutlos und einsam.

    Die Sprache, geschrieben oder gesprochen,
    erzeugt Bilder und Gefühle. Dabei läßt mir der geschriebene Text noch die größte Freiheit zur Entwicklung meiner ganz eigenen Gedanken.

    Für einen Moment hat mir die Kolumne das Gefühl gegeben, nicht allein im meinem kaputten (Körper-)gebäude eingesperrt zu sein…! (passendes Foto – Kolumne 4. Juni)

    Diese Form von Trost ist zwar indirekt aber dafür sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt …und die Gedanken bleiben frei…
    egal was das marode Gebäude davon hält.

    Viele Grüße aus dem sonnigen Kiel
    von Friederike

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  4. Püppi

    Samstag, 26. Juni 2010 um 20:51 | Kommentar melden.
     

    mir geht´s so ähnlich wie frederike.
    erst die krankheit dann betrogen und verlassen vom ehemann !!
    und dann auch noch zu wissen, dass man allein bleibt !? daran werd ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen.
    ich kann den männern auch kein vorwurf machen, ich würd mir auch nicht (in meinen augen) krüppel anlachen
    lg püppi

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  5. Andrea Ceol

    Dienstag, 29. Juni 2010 um 20:36 | Kommentar melden.
     

    Vielleicht bin ich von allen guten Geistern verlassen, oder total altmodisch, aber dieser Satz : “ich kann den männern auch kein vorwurf machen, ich würd mir auch nicht (in meinen augen) krüppel anlachen ” kann ja wohl nicht wahr sein.
    Wer seinen Partner/Partnerin wegen einer Erkrankung verlässt, ist charakterlich eine Niete.
    Wenn ich jemanden aufrichtig liebe, stehe ich das mit ihm durch, ohne wenn und aber.
    Lerne ich jemanden neu kennen, verliebe mich, dann sollte die MS nicht im Weg stehen, meine Meinung..

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  6. edith diederich

    Sonntag, 4. Juli 2010 um 11:08 | Kommentar melden.
     

    Verzweifelt war ich schon oft und meine Multiple Sklerose glaubte ich schon vergessen zu koennen. Eversdiaet brachte mir 9 schubfreie Jahre und ich fuehlte mich so gesund das ich sogar dagegen verstossen habe. Also wieder Schub, Cortison und mein Hausarzt gab mir noch Eisen iv und -kapseln weil mein HB leicht erniedrigt war und ich am Fatiquesyndrom litt. Dummerweise habe ich dann das Eisen genommen und als die Schuebe haeufiger wurden und Cortison nicht mehr half stellte ich den Rentenantrag weil ich meinen Kollegen nicht mehr zumuten konnte mir den Bildschirm vorzulesen. Bewaffnet mit Lupen machte ich mich dann auf die Suche nach der Ursache meiner MS Schuebe in der Literatur. Und fand sie auch noch. Bei allen von mir aufgesuchten Aerzten war es nicht bekannt was Professoren schon vor vielen Jahren publiziert hatten und immer noch tun. VORSICHT VOR EISENMEDIKAMENTEN BEI MS UND RHEUMA. Also verfasste ich eine UAW Meldung, bekam vom Bundesgesundheitsamt die Nummer 144 430 und schrieb auch an die Arzneimittelbehoerde in Bonn. Gutachten wurden von Medizinern erstellt aber keins davon war fuer meine Literaturrecherche positiv. Im Klinikum half Cortison nicht mehr, also bekam ich tintenblaues Gift infundiert, also Mitoxantron.
    Auf dem Boden im Erbrochenem liegend sehnte ich mir das Versterben herbei. Nach 2 mal Mitox brauchte ich echte Heilmittel und besorgte mir mit Rollstuhl in einer weit entfernten Stadt THC, bzw Dronabinol, was ich natuerlich selber zahlen musste. Und es half! Wie von der WHO bzw der in der CAMS Studie beschrieben konnte ich nach ueber einem Jahr meinen Rollstuhl wieder abgeben.
    Mitox machte ich trotzdem weiter bis ich einen Schub bekam und las das es Todesfaelle unter Mitoxtherapie wegen den Nebenwirkungen auf das Herz gegeben hatte. Also stieg ich um auf Aloe Vera, Vitamine und Mineralien. Fuer den Kampf gegen die Pharmaindustrie brauche ich viel Kraft. Einsam bin auch oft aber mein Ziel wieder gesund zu werden haelt mich aufrecht!
    Edith

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