Ratschläge an einen Neuerkrankten

Unlängst hat mich ein Neuerkrankter angeschrieben, mit einer ganzen Liste an Fragen rund um den Dämon. Er wolle gleich von Beginn an alles richtig machen: Medikamente, Therapie, Ernährung, den richtigen Doktor … Ich war ratlos, was ich ihm antworten sollte. Schließlich habe ich mich dazu entschieden, ihm meine Wahrheit zu schreiben. Dass man mit diesem Dämon nicht alles richtig machen kann, nur ein kleiner Teil. Dass es meiner Erfahrung nach eher darum geht, sich mit ihm zu arrangieren, als ihn zu bekämpfen. Auch schrieb ich ihm, dass er sich ruhig noch etwas aufheben solle, nicht gleich auf einmal alles ausprobieren, er müsse ja erst sich und seinen Körper kennen lernen. (Enttäuschungen werden nicht ausbleiben.) Schließlich ist jedes Betroffensein einzigartig. Er hätte schließlich noch ein ganzes, hoffentlich langes Leben Zeit.

Geduld, Achtsamkeit mit sich selbst, all das kann man nicht verordnet bekommen, und dennoch scheint es mir, und mit den Jahren immer mehr, das Wichtigste zu sein. So ungefähr schrieb ich ihm also zurück.  – Das alles meine ich auch genau so, habe es schließlich schon öfter gesagt, aber dennoch plagte mich ein schlechtes Gewissen. Als hätte ich ihm mit meiner Veteranengelassenheit etwas verdorben, ihn entmutigt, wo ich doch Mut verordnen wollte. Er hatte mir mit so viel Energie geschrieben, und ich antwortete darauf irgendwie blutleer, mit durch Erfahrung verhüllter Wehmut. Als hätte der Dämon mir inzwischen ein Beruhigungsmittel eingeflößt. Und ich war erschreckt darüber, dass ich nun selbst, ohne es zu merken, die Rolle gewechselt habe, vom jugendlichen Liebhaber zum altersmilden Greis. Wie so oft ist es in Krankheitsfragen unmöglich, alles richtig zu machen …

Aber vielleicht ist das wirklich kein so schlechter Ratschlag gewesen, wenn es ihm gelingt, das Wesentliche davon zu ergreifen: Nimm dir Zeit, für dich, diesen Dämon kennen zu lernen, und für das, was trotz allem das Wichtigste bleiben muss: das Leben! In diesem Sinne heute: uns allen das Beste!

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 4. Juni.



4 Kommentare

  1. Chaoskatze

    Freitag, 21. Mai 2010 um 13:11 | Kommentar melden.
     

    “Ich will leben. Ich will leben und Lasten heben. Ich will stark sein und leben und sein. Ich will nicht sterben. Nein.”
    (Selma Meerbaum-Eisinger)

    fiel mir dazu direkt ein. _Ich_ will das auch. Ich will nicht -hin und wieder und doch viel zu oft- schwach sein, eingezirkelt sein in diesen Körper, nichtmehrkönnen. Sich auf das Werkzeug des Seins nicht mehr verlassen können.

    Schwäche, wo vorher Stärke und Leben war. Schwäche – und Leben. Trotzdem meint mir Schwäche noch viel zu sehr Tod, als das ich sie annehmen könnte.

    Noch ringe ich mit meinem Dämon. Was, wenn ich nicht mehr ringe? Altersmilde oder Resignation? Weiterleben oder sterbenüben?

    Ich weiß es -noch- nicht.

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  2. Thomas

    Samstag, 22. Mai 2010 um 14:09 | Kommentar melden.
     

    Hallo,

    ich habe gestern meine erste Interferonspritze bekommen nach der Diagnose. Jetzt geht es mir seelisch besser, der rest …. nacheinander.

    Gruß Thomas

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  3. Andrea Ceol

    Freitag, 28. Mai 2010 um 08:02 | Kommentar melden.
     

    Hallo Max !

    Wie heisst es doch so schön, man brüht ab, auch was die Krankheit betrifft.
    Mir passiert es immer öfter, wenn ich die Sorgen und Panik der Neu – Erkrankten lese, dass ich mir denke, ich habe auch MS und es überlebt, wirst schon irgendwie mit zurecht kommen.
    Zum Glück denke ich mir das nur und schäme mich ( schämen – da haben wir es wieder (-: ), dass ich so mitleidslos wirke und versuche dann besonders nett und einfühlsam zu sein.

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  4. Nadine

    Dienstag, 20. Juli 2010 um 14:10 | Kommentar melden.
     

    Sozusagen bin ich ebenfalls eine Neuerkrankte, obwohl ein Jahr lang die Diagnose über mir schwebte. Das Wort MS war ein Schock, Bilder von Menschen im Rollstuhl und ein undefinierbarer Schrecken machten sich in mir breit. Und dann macht man sich auf die Suche nach Informationen. Im Internet, Zeitschriften, bei Ärzten. Mal wollte ich voller Energie gegen die Krankheit vorgehen, sämtliche Bereiche abdecken. Dann wieder wollte ich mich nur der klebrigen Umarmung der schrecklichen Müdigkeit hingeben und verdrängen und hoffen das es mich nicht so schwer erwischt.
    Ich fühle mich hilflos und überrollt von einer Krankheit die mir Angst macht. Aber ich kann die Augen nicht mehr verschließen. Meine Neurologin empfahl dringend über eine Basistherapie nachzudenken. Ich musste eine Entscheidung treffen und darin bin ich schlecht. Ich wäge lange ab, hin und her, ich will das Beste nur mögliche Ergebnis erzielen. Ich suchte mich durch Foren und hatte mehr Angst denn je, das Falsche zu tun. Ich hätte gern gehabt, das mir jemand sagt, welches Medikament das Richtige für mich ist und das es Wirkung zeigt. Doch jeder muss seinen eigenen Weg finden und deshalb hab ich lang überlegt und trotz meiner Vorbehalte gegen Medikamente mich für eines entschieden. Mein 1. Schritt und gleichzeitig ist die MS nun da in meinem Leben, jeden Tag sichtbar, durch die Spritzen mehr als vorher. Ja, ich bin krank, das gestehe ich mir nun ein. Der nächste Schritt: Gymnastik, bzw. Funktionssport steht auf meiner Liste. Und ansonsten? Was ich essen will, das esse ich. Wenn ich die Nacht durchtanzen will, dann mache ich das. Wenn es schwere Teile zu schleppen gibt, halte ich mich öfter mal zurück. Ich muss noch viel lernen über das Zusammenleben mit meiner MS und an jeder Ecke lauern Entscheidungen, die möglicherweise die Zukunft beeinflussen. Ich weiss, diese Entscheidungen kann mir niemand abnehmen, Allheilmittel gibt es keine, jede MS ist individuell. Trotzdem behalte ich mir den Optimismus mein Leben gut zu meistern.

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