Die Krankheit der anderen

Auch nicht-ansteckende Krankheiten sind ansteckend. Sie breiten sich eben nicht nur im Körper des Betroffenen aus, in seiner Seele, seinem Denken, sondern springen über auf all die Menschen, die mit ihm enger verbunden sind. Diese Partner, Verwandte, Freunde, Kollegen trifft sie genauso. Und wegen deren eigenen Krankheiten, Erinnerungen, Narben, Ängsten bricht sie bei jedem von ihnen anders aus. Doch die Mit-Krankheit der Mit-Betroffenen bleibt unbehandelt, oft sogar undiagnostiziert. Über sie wird viel zu wenig gesprochen. Höre ich ihnen eigentlich überhaupt zu, wenn sie davon sprechen wollen? Ich verstehe sie oft nicht. Sie sprechen so leise, weil sie immer meinen, im Vergleich zu meinem Betroffensein, wäre ihre Betroffenheit nicht weiter erwähnenswert. Sprecht lauter, bitte! Eigentlich sind es oft nur Andeutungen, oder ein hilfloser Blick. – Und selbst diese Äußerungen lassen sich viel zu leicht abwürgen mit einem schalen Witz über die eigene Unzulänglichkeit. Schon trauen sie sich gar nicht mehr, etwas zu sagen. Immer dieser verdammte Heldenmut!

Die Einzigartigkeit jeder dieser Beziehungen macht es so schwer, sie alle zu erfassen, zu verstehen und zu lindern. Patentrezepte helfen nicht weiter. Ich muss mir die Mühe machen, mit jedem von ihnen eine Einzeltherapie zu beginnen. Dabei ist die Heilung noch schwerer und ungewisser als die des eigenen Körpers. Ein Symptom taucht jedoch fast immer auf: Hilflosigkeit. Sie reißt einen Graben auf zwischen ihnen und mir. Weil sie sich nicht vorstellen können, wie „es“ sich anfühlt, verzagen sie. Und weil es für mich so schwierig ist, mich verständlich zu machen, kann ich ihnen so schwer helfen. Wie oft habe ich nicht schon voller Ohnmacht gedacht: wenn ich ihnen wenigstens dieses Gefühl nehmen könnte!

Aber vielleicht ist genau dieses Trennende auf paradoxe Weise das Verbindende: Auch ich bin ja oft hilflos, und vielleicht sitzen wir mit unserer Hilflosigkeit im selben Boot, ohne es zu merken. Vielleicht ist gemeinsam ertragene und getragene Schwäche ein Zeichen von Stärke. Ich werde darauf acht geben, in Zukunft.

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 21. Mai.



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