Lourdes im Kino

Beinahe habe ich es als Verpflichtung empfunden, den Film anzusehen. Wenn schon mal der Versuch einer künstlerischen Umsetzung mit meiner Krankheit gewagt wird, dann muss ich da hinein, mir zumindest eine Meinung bilden. Also, auf nach „Lourdes“. Nach dem Trailer im Internet nehme ich mir fest vor, nicht mit besserwisserischer Kennermiene und verschränkten Armen zu kommentieren, wie sich die Schauspielerin abmüht, glaubwürdig eine Behinderung zu spielen. Mit dieser ungesunden Mischung aus Verpflichtet sein und streng verordneter Toleranz fährt mich eine Freundin ins Kino.

Ab der Mitte des Films beschleichen mich jedoch zunehmend Zweifel, ob ich hier überhaupt mit gemeint bin. (Meistens wird über Krankheit und Behinderung ja so gesprochen und geschrieben, dass nicht die Betroffenen gemeint sind, sondern die vermeintlich Gesunden …) Die fast autistisch wirkende Hauptfigur bleibt mir allerdings nicht nur fremd, sondern entspricht in ihrem stillem Duldertum in keiner Weise meinen Erfahrungen mit Krankheitsgenossen, selbst wenn es ihnen richtig dreckig geht. Schließlich bin ich aber geradezu erleichtert, mich mit einer mir unsympathischen Figur nicht identifizieren zu müssen, nur weil wir dieselbe Diagnose haben.

In der Rückschau stößt mir an dem Film seine vollkommene Humor- und Freudlosigkeit auf. Schlimmer noch, alle Emotionen werden unterdrückt, unter einer meterdicken Decke der Sprachlosigkeit gehalten, sowohl von den Figuren selbst als auch von der Inszenierung. Alles lastet betonschwer, ist eingezirkelt und unsinnlich. Selbst die zart keimende Liebesgeschichte verplätschert am Ende in bedeutungsschwangerer Unentschiedenheit. Vielleicht spiegelt das Unbehagen an dem Film aber nur das Unbehagen mit mir selbst wider. Dass es mir trotz der besten Vorsätze nicht gelang, der Schauspielerin unvoreingenommen zuzusehen. Wie ein Lehrer, der keinen Text lesen kann, ohne zumindest innerlich die Kommafehler anzustreichen: wie die Schauspielerin den Stock einsetzt: absurd, die Bewegungen der Hände: viel zu kraftvoll …

Beim Herausgehen aus dem Kinosaal konnte ich dann nicht anders, als für die anderen Zuschauer eine kleine Vorstellung zu geben in: Richtig humpeln für Fortgeschrittene.

Bild04_23_10

Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 7. Mai.



2 Kommentare

  1. Safrana

    Dienstag, 27. April 2010 um 10:54 | Kommentar melden.
     

    Lieber Maximilian, danke für deine kurze Geschichte und deine Empfindungen zu dem Lourdes-Film, auch ich würde ihn gerne sehen, komme jedoch durch meine Rollstuhlfüße nur selten in den Genuß,- also auf die DVD warten. Deine Gefühle beim Ansehen des “gespielten” Diagnosegenossen kann ich genau nachvollziehen. Mich beschleichen die gleichen “Begutachtungstendenzen”, wie es dir geschehen ist. Eine wirklich gute Darstellung verlangt nach einem guten Schauspieler oder nach einem wirklich Betroffenen. Auch die Stimmung in den jeweiligen Filmen beachte ich genauestens, einzelne Aussprüche der Darstellenden treffen mich nicht nur manchmal mitten ins Herz, sondern auch mitten in die restlichen Nervenstränge. Meine Tochter musste in der Schule “Blue Print” lesen. Dort geht es eigentlich um das Klonen von Menschen, Aufhänger ist jedoch die MS-kranke Mutter, die sich Klonen mag, um weiterleben zu können (ihre Talente als Pianistin sollen fortbestehen). Sätze darin, die nicht nur meine Tochter verunsichert haben, waren schwer verdaulich. Selbstredend stirbt die Mutter nach einigen Jahren an ihrer Erkrankung.Es war ein hartes Stück Arbeit, meine Tochter wieder ins Lot zu bekommen.Dazu gibt es auch auch einen Film mit Franka Potente in der Doppelrolle (als Mutter und Tochter), dort hingegen , finde ich, wurde die Mutter gut gespielt. Man ist schon unglaublich empfindlich, was dies angeht,oder? Vielleicht ZU empfindlich. Solange man die MS-kranke und an Muskelschwund leidende, alleinziehende Mutter auf RTL 2 nicht ertragen muss, ist es alles noch erträglich! In diesem Sinne! Grüße Safrana

    Antworten

  2. Elmandi

    Montag, 3. Mai 2010 um 19:38 | Kommentar melden.
     

    Lourdes im Leben

    war mir ein unvergesslicher Eindruck, vor Jahrzehnten habe ich bei der Soldatenwallfahrt dorthin teilgenommen, die jungen Soldaten der Welt trafen und treffen sich an diesem friedlichen Ort, hat was, find ich besser, las sich “beruflich” zu begegnen.

    Antworten


Kommentare

 
Web Analytics