Odyssee. Eine Rückfahrt aus Berlin
Die Schlange, die sich durch den Flughafen Tegel windet, lässt nichts Gutes erahnen. Und in der Tat, wegen heftigen Schneetreibens wurden vor wenigen Minuten alle Flüge gestrichen. Meine erste Flugreise mit Rollstuhl entwickelt sich unversehens gleich auch zur ersten Bewährungsprobe in „Nerven bewahren“. Dabei hatte ich mir dieses Mal wirklich vorgenommen, mit genug Zeit und Geduld zu Werke zu gehen … wo ich nicht einmal anständig geradeaus fahren kann!
Noch fünfundvierzig Minuten bis zur Abfahrt des letzten Zuges nach München. Der freundliche Mann am Schalter der Fluggesellschaft stellt mir ohne viel Aufhebens eine Bahnkarte aus. Nach einer turbulenten Taxifahrt – selbst die roten Ampeln sind eingefroren – sitze ich eine Viertelstunde später vor dem Berliner Hauptbahnhof, um nach einem Blick auf die Anzeigetafel zu erfahren, dass ich für den Nachtzug eine Reservierung benötige. Also auf zum Schalter, den ich nach einigem Rauf- und Runterfahren in einem der gläsernen Lifte schließlich erspähe. Noch zwanzig Minuten. Die Schlange der Wartenden dort ist so lange, wie sie angesichts eines bald abfahrenden Zuges anscheinend sein muss: endlos. Kurz bevor ich an der Reihe bin, drängelt sich ein Paar vor, es kommt zu längeren Auseinandersetzungen mit anderen Wartenden. Schließlich erkläre ich einem sehr bedächtigen schweizerischen Bahnbeamten, dass ich gerne noch heute nach München käme. Er lässt sich jedoch durch meine Nervosität nicht von seiner Gründlichkeit abbringen. Fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges habe ich endlich mein Ticket, brettere noch zu einem Pizzsastand, wieder zurück zum Lift, der natürlich erst nach unten fährt, schließlich zum Bahnsteig – um dort zu erfahren, dass dieser erst eine Stunde später abfahren wird. Ich muss grinsen. So kann ich auch gleich noch üben, wie man sich im Rollstuhl sitzend bei Minusgraden und Schneetreiben nicht die Zehen abfriert. Ich tue es mit meinem neuen Mantra, in dem ich mir mit feierlicher Miene vorsage: „ Ich bin ein König, und das ist mein Thron.“ (Funktioniert erstaunlich gut, Nachahmung empfohlen!)
Als der Zug schließlich kommt, hält er allerdings dreihundert Meter weiter vorne. Zwei Rucksacktouristen gewinnen mit mir den Spurt dennoch, und irgendwann, nach einer kleinen Odyssee durch den Zug, nehme ich mein Abteil in Beschlag. Eine ganz normale Zugfahrt eben, von außen gesehen. Und von innen? Selten habe ich mich so lebendig gefühlt. Der Rollstuhl macht mich nicht zum passiven Erdulder, sondern zum Abenteuerkönig. Kleine Abenteuer bislang nur, aber die großen kommen eh ungefragt …
Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 12. März.



Andrea Ceol
Montag, 1. März 2010 um 13:11 | Kommentar melden.
Lieber Max !
Ich freue mich sehr für Dich, dass Deine erste grosse Reise im Rolli so gut funktionirt hat.
Da kann ich nur sagen : Erfurt wartet auf Dich !
Gruss,
Andrea
Gaby
Dienstag, 2. März 2010 um 13:27 | Kommentar melden.
Hallo Max,
ein Tipp von einem erfahrenen Rolli-Bahnfahrer, nutze ruhig den Begleitservice für Behinderte der Bahn und du wirst dich wirklich wie ein König fühlen. Einfach zum Service-Point beim entsprechenden Bahnhof und die Beamten erledigen alles weitere für dich. Wenn die Reise geplant und nicht so eine Hauruckaktion wie in Berlin, natürlich vorher anmelden. Platz im Zug wird reserviert und die Einstieghilfe bringt dich zum entsprechenden Abteil.
Gruß
Gaby
Lana
Mittwoch, 10. März 2010 um 11:40 | Kommentar melden.
Hallo Max
Selten habe ich ich mit soviel Spass einen Reisebericht gelesen :-)))
Da ich durch die neue msDialog auf dich aufmerksam wurde, freue ich mich schon jetzt riiiiiiiiiiiesig auf deine neue Kolumne.
Respekt !!!!!
lana
Juliane
Montag, 29. März 2010 um 19:13 | Kommentar melden.
Einfach cool!!!!!!!!!!!!
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, das das Leben im Rollstuhl einfachnur ein anderes ist, aber nicht wirklich ein Schlechteres. Vielleicht entdeckt man auf diesem Weg auch Wesentliches, das den meisten Menschen in ihrem üblichen Hamsterrad entgeht.
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Juliane