Jungfernfahrt. Mit dem Rollstuhl in den Dom

Gemeinhin stellt man sich Rollstuhlfahrer als erfahren und verwegen vor: Je jünger sie sind, desto eher traut man ihnen einen Looping aus dem Stand zu. Dass es auch unter ihnen blutige Fahranfänger gibt, blendet man gerne aus. Einen wie mich. – Dennoch habe ich mir für meine Jungfernfahrt gleich ein extravagantes Ziel vorgenommen: die Fußgängerzone und den Dom, denn beide habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

Die guten Ratschläge, zu Beginn erst einmal mit einer helfenden Begleitung auszufahren, schlage ich gut gelaunt in den Wind und breche auf. Ein guter Entschluss, denn die Welt scheint einem vollkommen neu, wenn man nicht bei jedem Schritt alle Aufmerksamkeit auf die eigenen Füße lenken muss. Ich achte plötzlich auf ganz andere Dinge. Es ist, als würde ich München neu vermessen, und zumindest die Hinterhöfe des Westends versprechen noch viele Entdeckungen.

Nach dem Losrollern fühle ich mich wie zu Kinderzeiten, wenn man das erste Mal alleine in die große Stadt fährt. Aufgeregt – und schon bei der U-Bahn-Station reichlich außer Puste. (Dass alle Bürgersteige leicht schräg sind, habe ich bisher auch nicht gewusst.) Anscheinend habe ich mich mal wieder verschätzt, das ist Anfängerpech. Der Einstieg in den U-Bahnzug ist auch nicht so ebenerdig wie erwartet, aber gemeinsam mit einem Jugendlichen gelingt es jedoch schließlich. Und auch im Folgenden widerstreben mir Stufen, Türen und Tore und auf der Rückfahrt ein nicht funktionierender Lift. (Der ältere Herr, der sich meiner angenommen hat, kegelt mich schließlich beinahe die Rolltreppe hinunter …). Doch letztlich überwinde ich alle Hindernisse, weil sofort jemand zu Hilfe springt. Ich muss es nur zulassen. – Wenn ich es recht überschlage, haben mir ungefähr zwölf Menschen während meines vierstündigen Ausfluges geholfen. Das bedeutet, dass ich im Schnitt alle zwanzig Minuten Hilfe brauche. Auch das eine neue Erfahrung.

Was mir allerdings am besten gefiel: Alle schauten mich freundlich an, niemand sah weg. Die einzigen grimmigen Blicke erntete ich von zwei Frauen im Rollstuhl, denen ich vielleicht eine Spur zu komplizenhaft zulächelte.

Kolumne02_12

Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner –  dann über seinen zweiten Rollstuhlausflug nach Berlin – erscheint am 26. Februar.



5 Kommentare

  1. Michael

    Samstag, 13. Februar 2010 um 18:59 | Kommentar melden.
     

    Hallo,
    die neuen Perspektiven, die Du als Neu-Rollstuhlfahrer beschreibst, sind sehr bemerkenswert. Ich steh selbst vor dieser Erfahrung. Mein neuer Rolli wartet mit mir auf Tauwetter. Die letzte Reha, bereitete mich zwar schon auf solche Sachen wie ankippen am Bürgersteig vor, doch aus dem Rollstuhl betrachtet, sind die anderen Leute so viel größer (sogar die Kleinen). Toll, wenn sie dann auch noch hilfsbereit sind. Ich bin jetzt um so mehr gespannt.
    Herzlichen Dank,
    Michael

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  2. Gaby

    Sonntag, 14. Februar 2010 um 12:12 | Kommentar melden.
     

    Hallo,
    auch ich kann seit einigen Jahren mehr schlecht als recht gehen und nutze daher für länge Ausflüge den Rollstuhl. Zuerst zum schoppen in die Stadt. In den Kaufhäusern fährt man super schnell. Eine Freundin, zu Fuß hat völlig aus der Pußte gejapst, nun wart doch mal, eine völlig neue Erfahrung für mich, ich war ihr zu schnell. Auch die Verkäuferinnen in den Geschäften behandelten mich auf einmal ganz anders. Früher kam oft so ein abschätzender Blick, am Vormittag schon besoffen, wenn ich aus der Umkleide, an den Kleiderstädern weiterhangelte.
    Nun habe ich schon Ausflüge im der Bahn nach Berlin gemacht, geht toll und ohne jede Anstrengung dank Begleitservice der Bahn. Auch schon viele Urlaugsreisen, sogar eine Kreuzfahrt, einfach super!!!!
    Ich bin sicher auch du wirst viele tolle neue Erfahrungen machen, man kriegt einfach mehr mit.
    Gaby

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  3. Beate

    Sonntag, 14. Februar 2010 um 17:52 | Kommentar melden.
     

    Ich bin selbst nicht auf den Rollstuhl angewiesen und kann daher faktisch nicht viel zum Umgang mit demselben sagen.

    ABER: mir ist schon des öfteren aufgefallen, dass die Hilfsbereitschaft bei einer “sichtbaren” Behinderung (und das ist ja anhand des Rollstuhles deutlich vermutbar) wesentlich größer ist, als wenn man wie schon erwähnt, sich mit Schwindel oder Gleichgewichtsbeschwerden abkämpft.

    Aber das beruht vielleicht wirklich auf der Unwissenheit der Menschen und leider auch auf den Vorurteilen á la “aha.. wieder einen zuviel erwischt heute?!” – wie Du es schon so schön beschrieben hast, liebe Gaby.

    Aber ich finde es toll, das geholfen wird, keine Frage, und ich wünsche Euch weiterhin so positive Erfahrungen :-)

    lieben Gruß,
    Beate

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  4. Uli

    Mittwoch, 17. Februar 2010 um 16:55 | Kommentar melden.
     

    das Loretto ist ebenerdig , Deinen roten Flitzer davor werd ich schon vermissen aber ich schwöre der Frühling ist ganz nah….und wer seine Jungfernfahrt in diesem Winter gemeistert hat, was soll den noch schrecken?

    Herzlichen Gruß, Uli

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  5. Kim

    Montag, 22. Februar 2010 um 22:26 | Kommentar melden.
     

    Ich bin in der Kolumne über einen Satz gestolpert: “Was mir allerdings am besten gefiel: Alle schauten mich freundlich an, niemand sah weg.”

    Seitdem ich mit der Diagnose MS unterwegs bin (bin zu Fuss…), gehe ich anders mit Menschen im Rolli um. Ist einfach so, das Gefühl ist ganz anders, das muss irgendwie in meinem Verhalten bemerkbar sein. Ich schaue offener hin und lächle. Und frage mich oft, ob es den Menschen eigentlich recht ist…

    Ist es so, dass man sich mit den Blicken wohlfühlt? Oder wünscht man sich einfach nur “Normalität”, was ja nur ohne Hängenbleiben der Blicke Anderer möglich ist. Oder verändert sich das mit der Zeit – ist man, solange man sich so “neu” erlebt und eh mit vielen Blicken rechnet froh, solange es nur freundliche Blicke sind?

    Na ja, ich werde das nächste mal auf Arbeit mal “meine” Jugendlichen mit Rolli fragen, die müssten es ja aus langjähriger Erfahrung wissen. Das sind dann auch die mit dem Looping :-).

    Grüße!

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