Über das Jammern

„Ich finde es so toll, dass du nicht jammerst.“ – Ach ja, wirklich? Dabei würde ich es manchmal von Herzen gern, aber ich beherrsche es einfach nicht. Ich habe zum Jammern, so scheint es, keine Begabung. Dabei bräuchte man sich doch eigentlich nur in das Wartezimmer eines Allgemeinarztes zu begeben, um zu wissen, wie es funktioniert … Vielleicht fehlt mir dazu das nötige Selbstbewusstsein, denn schließlich braucht es eine gehörige Portion Chuzpe. Auf keinen Fall sollte man nämlich in Frage stellen, ob das Gegenüber das eigene Lammentieren überhaupt wert schätzt. Dann hat man schon verloren! (Oft wird das Problem dadurch gelöst, dass sich zwei oder drei zusammenfinden, die dann im Kreis jammern nach dem Motto: Solange ich Dir zuhöre, hörst Du mir zu.)

Es ist auch deswegen gar nicht so einfach, sein Herz übergehen zu lassen, weil man sich dadurch angreifbar macht. Kaum ein Klagelied geht unbeanstandet durch. An jedem Jammern wird herumgekrittelt, gezupft, seine Unnötigkeit bewiesen. Man darf dann auf keinen Fall einknicken. Und am Schlimmsten dran sind diejenigen, die in Ermangelung von Gründen immer über dasselbe jammern müssen. Meistens ist es die Arbeit, eine sich dahinschleppende Beziehung, eine hartnäckige Erkältung oder, wenn gar nichts anderes zur Hand ist, eben das Wetter (in München: der Föhn!)

Merkwürdigerweise habe ich bisher überhaupt keinen einzigen MS-Betroffenen getroffen, der so richtig klassisch, im großen Stil, gejammert hätte (zumindest nicht über diese Krankheit). Vielleicht unter der Bettdecke oder in einem Stoßseufzer oder bei der besten Freundin, aber nicht bei mir. Dabei scheinen die Gesunden ein bisschen Jammern durchaus zu erwarten von einem unheilbar Kranken (zu viel sei aber auch ungesund, wird man vorsichtshalber gleich einmal gewarnt). Wie man es macht, man jammert verkehrt. Also lasse ich es lieber auch in Zukunft bleiben.

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner folgt am 30. Januar. Morgen erscheint sein neues Buch „Ich schäme mich. Ein Selbstversuch“ im Rowohlt Verlag, Reinbek.



4 Kommentare

  1. Andrea Ceol

    Samstag, 16. Januar 2010 um 00:01 | Kommentar melden.
     

    Ich habe festgestellt, dass das Jammern, proportional zur Schwere der Krankheit des Betroffenen, abnimmt.
    Je schwerer erkrankt oder von einer Krankheit betroffen, desto weniger wird gejammert.
    Warscheinlich hätte man als MS – Kranker so viel zu jammern, dass man gar nicht weiss, wo man anfangen soll, deswegen lässt man es.

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  2. Beate

    Montag, 18. Januar 2010 um 08:38 | Kommentar melden.
     

    Andrea, da kann ich Dir nur Recht geben!!
    Tatsächlich relativiert man als “Kranker” oft den eigenen Status im Vergleich zu anderen.

    Ich persönlich bin auch der Meinung, mit MS kann man leben – würde ich erfahren, dass ich nur noch 24h zu leben hätte, wäre die Situation komplett anders…

    Und oftmals ist es doch wirklich so, dass den großen “Jammerern” (ich mag dieses Wort ;-)) eher wirklich wenig fehlt.
    Aber gut, man steckt nie in der Situation des anderen, nur in der eigenen. Und wir können weiterhin jeden Tag aufs neue entscheiden: “lohnt sich das Jammern?” – Und oftmals ist die Antwort dann “Ach nee… so ein Stress… den tu´ ich mir nicht an” :-)

    Lieben Gruß,
    Beate

    Antworten

  3. Beate

    Montag, 18. Januar 2010 um 08:38 | Kommentar melden.
     

    Andrea, da kann ich Dir nur Recht geben!!
    Tatsächlich relativiert man als “Kranker” oft den eigenen Status im Vergleich zu anderen.

    Ich persönlich bin auch der Meinung, mit MS kann man leben – würde ich erfahren, dass ich nur noch 24h zu leben hätte, wäre die Situation komplett anders…

    Und oftmals ist es doch wirklich so, dass den großen “Jammerern” (ich mag dieses Wort ;-)) eher wirklich wenig fehlt.
    Aber gut, man steckt nie in der Situation des anderen, nur in der eigenen. Und wir können weiterhin jeden Tag aufs neue entscheiden: “lohnt sich das Jammern?” – Und oftmals ist die Antwort dann “Ach nee… so ein Stress… den tu´ ich mir nicht an” :-)

    Lieben Gruß,
    Beate

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  4. Kim

    Freitag, 22. Januar 2010 um 22:49 | Kommentar melden.
     

    Meiner Erfahrung nach ist Jammern den Erfahrungen vorbehalten, die sich in absehbarer Zeit verbessern werden.
    Die dürfen “schrecklich” sein – “furchtbar “- “nicht auszuhalten”. Und dafür bekommt man Mut und Durchhalteparolen in Mengen geschenkt.

    “Mir geht es sch…. und mir höchster Warscheinlichkeit wird es Morgen, nächste Woche und nächstes Jahr nicht besser sein.Eher schlechter.”
    Wer hatte beim Lesen dieser Zeilen nicht das Bedürfnis ganz laut zu versichern: “Alles eine Sache der Sichtweise. Man muss positiv Denken. Das Leben kann doch trotz allem soooo schön sein”.

    Selbst meine eigenen Gedanken setzten sofort mit dieser Art von Sätzen ein. Sie haben sicher Recht. Bestimmt, das erlebe ich ja täglich.

    An den anderen Tagen gehe ich halt nicht aus dem Haus.

    Damit hat sich das Jammern unter allen Umständen erledigt – außer ich bin mal erkältet. Das ist dann wirklich schrecklich……

    Viele Grüße

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