Globale Mobilität. Ein Traum

Auf dem Kaugummiautomaten an der gegenüberliegenden Häuserwand klebt direkt über den Glückshexen für zwanzig Cent ein Aufkleber. Die anderen antikapitalistischen Aufrufe bewegen mich bei weitem nicht so wie dieser. Überschrieben ist er mit: „Globale Bewegungsfreiheit für alle!“ – Was für ein schöner Traum! Alle lahmen Enten dieser Welt könnten sich global bewegen, keiner bliebe mehr zurück … Für einen wie mich, der sich mit seinen beiden Krücken schon beim Überqueren der Straße schwer tut, klingt das nach dem Paradies auf Erden. Ich bin also durch und durch dafür. Bin ich es wirklich?

Während ich beim Weitergehen vorsichtig einen Fuß vor den nächsten setze, träume ich mich in die Zukunft der globalen Mobilität für alle lahmen Enten. Wo würde ich als Erstes hin? Wahrscheinlich Paris, die Stadt fehlt mir seit langem, dann Belgrad und dann – schaun wir mal.

Eines vielleicht gar nicht so fernen Tages lässt sich Bewegungsfreiheit durch künstliche Gliedmaßen tatsächlich wieder herstellen. Das behaupten zumindest die Propheten der Technik. Aber würde ich das wollen? Meinen Kopf zu verschrauben mit einem Apparat aus Metall und Plastik und garantiert läsionsfreien Drähten, nur um mich dann global fortbewegen zu können? Wäre ich dann überhaupt noch ich? Und schließlich, frage ich mich weiter, welchen Preis wäre ich bereit zu zahlen, für meine neue Bewegungsfreiheit? Kann ich mir mich überhaupt leisten?

Wie so oft entstehen aus neuen Möglichkeiten erst einmal lauter neue, unbeantwortbare Fragen. Fragen, die mir unheimlich sind, weil sie die Grenzen meiner Identität verändern würden. Und weil sie mich noch abhängiger machen würden, von Batterien und Mechanikern, als meine Krücken.

Fürs Erste bin ich froh, dass ich es ohne hinzufallen wieder nach Hause geschafft habe, trotz Schnee und Eis. Mein Körper funktioniert zwar nur nach seinen eigenen Gesetzen, aber immer noch besser als ein Automatengestell, das man bei diesen Temperaturen wahrscheinlich erst einmal mit Enteisungsspray behandeln müsste. Kein Traum ohne die Rostspuren der Wirklichkeit.

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Die nächste Kolumne von Maximilian Dorner erscheint am 12. Februar.



Ein Kommentar

  1. Denis

    Samstag, 30. Januar 2010 um 23:20 | Kommentar melden.
     

    moin max,
    ich kann deine bedenken nur teilen. diese diskussion gibt es bei und tauebn schon seit längerer zeit. um genau zu sein seit der erfindung des choclea implantats kurz ci (künstliches innenohr) welches tauben menschen in den kopf gepflanzt wird und aus ihnen wieder hörende menschen zu machen. doch so einfach ist das leider nicht, was gerade von ärzten verschwiegen wird. der hörerfolg setzt nicht unbedingt ein.
    jedenfalls wird dieses ci heiss diskutiert. ich habe mich bewusst dagegen entschieden. ich fühle da so wie du denkst. ich möchte keine elektronik im kopf haben. ausserdem hat die hörschädigung doch erst den menschen aus mir gemacht der ich jetzt bin. habe da ein wenig bedenken was so ein implantat aus mir machen würde.

    gruss aus der hauptstadt und bis zum 25.2

    denis

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