Aus der Besserungsanstalt III Schluss

Der Aufenthalt in der Besserungsanstalt liegt nun schon einige Wochen zurück. Daraus entlassen wurde ich mit der weit verbreiteten Ansicht konfrontiert, dass kranke Menschen für unbestimmte Zeit in einem Krankenhaus verschwinden und schließlich irgendwie geheilt oder wieder hergestellt (oder tot) dieses irgendwann verlassen. Die Hoffnung auf Heilung ist zu einer kaum hinterfragten Erwartungshaltung erstarrt. Deswegen tat es mir leid, dauernd jemand enttäuschen zu müssen: Nein, ich bin nicht gesünder, mir geht es nicht einmal merklich besser; ich bin nur erfahrener, klüger. Aufgeklärter. Ich weiß nun besser Bescheid über meinen Dämon, habe seine Fratze im hellen Leonlicht eines Krankenzimmers seziert und die der anderen beobachtet. Gestählt durch ihre Marotten, das ja. – Die zwei Wochen kommen mir im Rückblick wie eine Fahrt in der Geisterbahn vor. Zu Hause dann das großartige Gefühl, endlich selbstbestimmt handeln zu können. Die Freude darüber hielt allerdings nicht länger an, als bis der Wecker oder Abgabetermine wieder das Regiment übernahmen  ….

Einer jedoch wird mir im Gedächtnis bleiben: Ein Genosse im Krankenhaus, aus der Oberpfalz, führte eine wunderbar pragmatische Beziehung mit seinem Dämon. Er widersetzte sich allen Ernährungsratschlägen mit bewundernswerter Konsequenz. Während ich Abend um Abend Rohkostteller – wegen der Vitamine und so – in mich hineinmümmelte, sammelte er auf der ganzen Station Salamischeiben ein. Unter einem Kilo Fleisch ginge gar nichts, verkündete er. Wir anderen schüttelten den Kopf wie besorgte Eltern. Aber er lachte nur. Nach dem Essen bekam er eine Infusion. Er stemmte sich auf sein Bett und schäkerte mit der Krankenschwester. Kaum hatte diese jedoch nach Abschluss des Prozederes das Zimmer verlassen, richtete er sich auf und sagte: „Jetzt brauch ich erstmal eine Halbe Bier.“ Eine halbe Stunde später begegnete ich ihm Kette rauchend mit einem leeren Weißbierglas in der Cafeteria. Seitdem bin ich keinem so ausgeglichenen und zufriedenen Menschen mehr begegnet.

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2 Kommentare

  1. Beate

    Freitag, 4. Dezember 2009 um 14:50 | Kommentar melden.
     

    Da bleibt doch die Frage – ist man zufriedener, wenn man jede Menge Fleisch und Bier vertilgt, oder ist hier eher der Punkt ausschlaggebend, dass man SELBSTBESTIMMT und nach seinem eigenen Gutdünken sein Leben gestaltet..

    Nun ist es ja so, dass sich die wenigsten der absoluten Selbstbestimmung hingeben können – zuviele Faktoren haben einen Einfluss auf unser Leben (Gesundheit, Familie, Geld, Arbeit, Wohnverhältnisse, Hobbies….) und somit auch auf unsere Gemütsverfassung.

    Vielleicht kann man manche Faktoren aber auch aus einer anderen Sicht betrachten, wenn die Gemütsverfassung (die innere Ausgeglichenheit) entsprechend stark ist, dass solchen Faktoren nur noch eine geringere Relevanz eingeräumt wird.

    Wie auch immer – die Lösung liegt bei jedem selbst. Wie möchte ich mit meinem Leben umgehen? Wie möchte ich mir mein Leben gestalten? Bin ich tatsächlich gezwungen, manche Dinge so hinzunehmen wie sie sind?

    Zu welchem Schluss auch immer man kommt – ich hoffe, es ist der passende und richtige ! :-)

    Max, es ist schön, wieder von Dir zu lesen!!
    Welcome back!! :-)

    Eine schöne Weihnachtszeit wünscht Dir
    Beate

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    • Denis

      Sonntag, 6. Dezember 2009 um 18:15 | Kommentar melden.
       

      Hallo Max,
      welcome back in der Welt. ;)

      Ob man zufriedener durch Bier und Fleisch wird lass ich mal dahin gestellt auch wenn es sehr lecker ist ;)
      Ich denke und bemerke es auch bei mir, dass ich um so zufriedener bin um so weniger mein Dämon mein Leben behersscht.
      Ich selbst habe eine etwas andere Krankheit, aber auch ne Nervensache, die mich unter anderem hat ertauben lassen.

      Ich möcht nochmal danke sagen für deine schönen Blogeinträge Max.
      Freue mich schon auf dein neues Buch.
      Wann ist es denn soweit????

      Viele Grüsse aus Berlin

      Denis

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