Aus der Besserungsanstalt II

„Hast du Krankengimnastik jetzt?“ – Ich nicke. Andauernd will hier jemand etwas von einem wissen, was eigentlich nicht weiter mitteilenswert wäre. Das geht bei den Ärzten mit ihren auf Dauer etwas einförmigen Fragen (Was empfinden Sie, wenn sie das Kinn auf die Brust senken?) los und hört bei den Erkundigungen der Mitpatienten nicht auf: Also ja, ich habe Krankengymnastik.

Die füllige Kroatin lehnt sich und ihren ausladenden Busen weit über den Rollator in meine Richtung und grinst mich mit leicht schadhaftem Gebiss neckisch an. Ich bräuchte wirklich keine Angst haben, mit ihr alleine im Aufzug zu fahren, “bin ich glicklich verheiratet seit viele Jahre”. Meine Skepsis hat ihren guten Grund. Denn sie folgt mir, ununterbrochen auf mich einredend, bis in den Andachtsraum ein Stockwerk tiefer. Ich stecke in einer Sackgasse fest. Trotz meines demütig gesenkten Blickes bleibt sie keuchend direkt neben meinem Rollstuhl stehen … Rollstuhl? War da nicht etwas? Habe ich mich nicht noch vor Wochen und über Jahre mit Händen und Füßen dagegen gewehrt? Lieber in Kauf genommen, gar nicht zu verreisen als dieses Hilfsmittel anzunehmen? Und nun presche ich um die Ecken der Flure und genieße das Gefühl der Geschwindigkeit (freilich nur bis zum Muskelkater am nächsten Morgen). Schon nach ein paar Tagen in meinem Leihrollstuhl brenne ich darauf, endlich selbst einen zu besitzen und stelle mir wunderbare Fahrten mit der U-Bahn in München von einer Endhaltestelle zur nächsten vor. (Man meint ja gleich, wenn man der Welt einmal fünf Minuten den Rücken kehrt, dass man Wunder was verpasst …) Es braucht allerdings weniger Fantasie, sich die Ernüchterung vorzustellen, die sich angesichts eines nicht funktionierenden Aufzuges wohl recht schnell einstellen würde.

Wenigstens diese Wendigkeit im Denken und Fühlen möchte ich mir erhalten, getreu dem Motto: Was kümmern mich meine Ängste von gestern. Dann bin ich eben glicklich verheiratet mit Rollstuhl …

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2 Kommentare

  1. Beate

    Samstag, 21. November 2009 um 11:22 | Kommentar melden.
     

    Hi Max,

    ist Dir der Rollstuhl auf der Reha “zugeteilt” worden oder benötigst Du ihn jetzt wirklich?
    Mein letzter Stand war, dass es mit Deinem Stock eigentlich recht gut lief?

    Ich wünsche Dir weiterhin noch eine gute Zeit und freue mich auf weitere “Meldungen aus der Besserungsanstalt” :-))

    Lieben Gruß,
    Beate
    - stay tuned! -

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  2. Isabel

    Samstag, 21. November 2009 um 18:42 | Kommentar melden.
     

    Hallo Max,
    mir ging es ähnlich, als ich im Urlaub an der Norsdee in diesem Sommer zufällig in einem Fahrradverleih, in dem ich ein Fahrrad für meinen Sohn leihen wollte, auf ein Erwachsenendreirad stieß.
    Diese Freiheit!!!
    Ich bin mit meinem kleinen Sohn dann eigentlich nur noch durch die Gegend gedüst und hatte manchmal sogar das Gefühl, dass mich andere um dieses bequeme Gefährt beneiden.
    Sehr praktisch ist bei diesen Rädern der gigantisch große Korb hinten drauf, in den locker 2 Kleinkinder (aber auch ein Kasten Sprudelwasser) reinpassen. Ein weiterer Vorteil: alle Menschen sind super nett und zuvorkommend zu einem, wenn man mit so einem Ding unterwegs ist. Aber das ist wahrscheinlich mit Stock noch extremer. Ich werde es sehen, denn der steht bei mir wohl auch bald an und ich sträube mich trotz der Erfahrungen mit dem Dreirad sehr.

    Ich habe mir jedenfalls zuhause gleich ein Dreirad im Internet bestellt. Das war die beste Investition meines Lebens.

    Max, ich habe vor einiger Zeit Dein erstes Buch gelesen. ‘Darin’ hast Du noch in einem Verlag gearbeitet, zuletzt dann im Homeoffice. Machst Du das noch oder auch nicht mehr? Würde mich interessieren, weil ich selber sehr an meinem Job hänge, aber manchmal das Gefühl habe, dass ich es nicht mehr schaffe. Wäre schön wenn Du antwortest.
    Herzliche Grüße,
    halt die Ohren steif.
    Isabel

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