Erfülltes Leben
Unlängst wurde ich für eine Talkshow gebucht, als tapferer Vorzeigekranker. Je nun, das ist nun meine Berufung … Doch das Thema der Sendung elektrisierte mich: „Ein erfülltes Leben“. Also sagte ich zu. Zumal ich sofort an den Buchtitel denken musste, dem ich seit zwanzig Jahren versuche nachzuleben: „Ich bekenne, ich habe gelebt“ (erdacht von dem chilenischen Schriftstellers Pablo Neruda). Aber gleich danach wurde ich unsicher: Was könnte das denn sein, ein erfülltes Leben? Es klingt nach Rückschau, nach Abschlussrechnung. Dabei muss es doch, so lange man keine Autobiografie oder sein Testament schreibt, eher um das sich gerade erfüllende Leben gehen. Um die Gegenwart, den heutigen Tag. Wie sich der anfüllt: durch die Intensität der Wahrnehmung, die Begegnung mit anderen, den sich hinziehenden Koalitionsverhandlungen mit einem aufmuckenden Körper … Dazu nickt auch der Buddha auf meinem Schreibtisch. Ja, ums Heute muss es gehen! Jeden Tag wieder.
Die Bahnfahrt nach Stuttgart denke ich darüber nach. Draußen ein schon vergoldeter Herbst, blauer Himmel. Das Ulmer Münster. Was soll ich nur antworten, auf die absehbare Frage, ob es ein erfülltes Leben mit einer solchen unheilbaren Krankheit gäbe. Sage ich, ich bin glücklich, unterstellt man mir Selbstbetrug, also werde ich still lächeln wie mein Buddha. Und anfügen, dass sie nichts hervorbringt, was nicht schon in einem ist. Das Gefäß, in dem sich das Leben erfüllt, muss schon vorhanden sein, sonst versickert es wirklich …
In Stuttgart holt mich ein ebenso freundlicher wie schwerhöriger Bahnangestellter vom Zug ab und bringt mich in einem Rollstuhl zu der schon nervös wartenden Redakteurin. Als ich schließlich da bin, ist sie sichtbar erleichtert. Man wisse ja nie, in meinem Zustand …
Und schließlich sitze ich auf einem Barhocker und lächle in die nächstbeste, rot leuchtende Kamera. Gibt es denn ein erfülltes Leben mit so einer unheilbaren Krankheit? Ich höre mir beim Reden zu, denke dabei darüber nach, wie ich wohl wieder herunterkomme von dem wackligen Stuhl, präge mir die Kabel ein: nur nicht ins Bild stolpern! Und überschlage den Weg zur Toilette. Und auf einmal bin ich mir vollkommen sicher: Ja, das ist mein erfülltes Leben, denn notgedrungen: So sehr in der Gegenwart angekommen wie heute war ich noch nie.
23.10.09 // Maximilian Dorner




Michael
Samstag, 24. Oktober 2009 um 08:45 | Kommentar melden.
Die Sendung findet man hier:
http://www.swr.de/nachtcafe/-/id=200198/did=5465256/pv=video/nid=200198/1il66fm/index.html
Ulrike
Montag, 26. Oktober 2009 um 11:49 | Kommentar melden.
Danke Michael für den Link,
und Max….
Ich hoffe, das Honorar war gut, was musst Du wohl bei diesen Terminen alles über Dich ergehen lassen…. ????
Fürchterliches Interview, ich will nicht mit Dir tauschen.
Du bist aber richtig “kameragen” und nett, vielleicht lernen wir uns ja mal bei einem “Bloghaus-Treffen” kennen.
Liebe Grüße nach München,
Ulli
Elmandi
Mittwoch, 4. November 2009 um 18:51 | Kommentar melden.
In der Stube hockend hab ich mal eine Pause beim Lesen gemacht, um den Autor der Zeilen über den Dämon, der auch meinen Kopf malträtiert, aufzuspüren. Der Autor zeigt sich und lässt sich finden, stellt sich seinem Publikum, danke dafür und bis auf weiteres, ich werde das Buch fürderhin, genießen.