Möwen kreisen über den kupfernen, vereinzelt beflaggten Dächern der Stadt. Reedereien zieren sich, die Sparkasse macht ihre Zentrale aus der Luft erkennbar, undefinierbare Antennenmasten befinden sich auf den Gebäuden in der Nähe – und rechts, aus dem Augenwinkel grüßen Kirchtürme und ein Eckchen vom Rathausturm mit ihren Uhren.
Es ist kurz vor 12.
Eine kleine Meise rastet, für einen Moment nur, auf einem Schornstein, um sich schnell wieder aufzumachen. Ihr folgt eine Krähe. Mittagsmahl “to fly” dabei. Sie pickt ungestört an einem für andere verzichtbaren belegten Brötchen.
Ungeahnte Perspektiven, hier oben, wo nichts als Dächer sind. Eine Welt für sich, die mir sonst verborgen bleibt. Wo haben diese Vögel wohl ihre Wohnungen, ihre Bäume? Kaum vorstellbar, wie weit sie am Tag für diesen Blick auf die Stadt fliegen!
Hinter Bürofenstern sind emsige Menschen mit ihren wichtigen Aufgaben beschäftigt. Oder solchen, die mancher für wichtig hält…
Weiter links steigen zwei Gebäudereiniger aus ihrer Gondel auf eine Dachterrasse. Ganz vorsichtig suchen sie Halt auf wieder sicherem Boden, nachdem sie noch vor wenigen Minuten außenbords vor den Fenstern des Gebäudes hingen. Nur die Gondel an zwei Seilen und ihre Gurte sicherten sie vor dem Absturz. Machen sie jetzt Mittagspause? Die Gondel wird auf dem Dach in eine andere Position geschoben, bereit für einen neuen Start an einer neuen Gebäudeseite. Die Männer legen ihr Geschirr ab und bewegen sich aus meinem Blickfeld, indem sie durch eine schmale Tür das Gebäude betreten. Ihr Zubehör bleibt unbeachtet auf dem Dachterrassen-Boden zurück.
Das alles kann ich beobachten, während meine Augen spazieren gehen, aus einem innerstädtischen Arzt-Wartezimmer im 7. Stock. Die Leute gegenüber warten wie ich. Sie sehen eine Wand, wenn sie aufblicken, oder mich… Ansonsten sind sie schwer beschäftigt mit der Lektüre vieler Zeitschriften.
“Spaziergang” statt Zeitschriftenlektüre – Spannend, was sich abseits der Parterre-Hektik, über den Dächern der großen Stadt für eine Welt auftut. Spannend auch, was mir so in den Sinn kommt, während ich das Geschehen betrachte, sinniere ich.

Diese Schlagworte beschreiben kurz und knapp, was mir im Moment alles so durch den Kopf geht. Wie ist das mit der Sicherheit? Will ich die haben oder sagen andere, dass man darauf Wert legen sollte und sich möglichst schnell absichern sollte? – Gerade mit so einer Erkrankung…
Aber bin das ich? Sind das auch mein Lebensentwurf und meine Lebensvorstellung? Was ist mir wichtiger und wo setze ich meine Prioritäten?
Ich habe mir extra eine Auszeit genommen und überlegt, was ich nun machen möchte (nach der Diagnosesicherung). Genauestens überlegt und auch noch mal Praktika gemacht. Ich habe mich meiner Entscheidung schon sicher gefühlt.
Doch nun, nach drei Jahren Diagnose, eineinhalb Jahren Studium und einem Praktikum: Alles ist wieder so unsicher. Das Praktikum lief nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich habe nicht wirklich Kraft und Bestätigung daraus ziehen könne. Ist das normal? Hätte ich doch nicht ablassen sollen von meinem eigentlichen Wunsch Sportwissenschaften zu studieren? All diese Fragen und ich habe keine Antwort darauf. Klar, das war nur ein Praktikum und die nächsten können ganz anders verlaufen… Aber. Immer bleibt so ein „aber“ in meinem Kopf stecken.
Richtig abgesichert ist man ja irgendwie nie richtig, oder? Wer weiß schon, was auf einen zukommt und was dann die richtige Absicherung gewesen wäre. Und geht es nur um die Absicherung oder geht es darum zu leben? Wenn ich nur für die Absicherung lebe, ist mein Leben mit Sicherheit nicht sehr erfüllt. Aber was wenn ich komplett ohne Absicherung lebe? Kann das gut gehen? Wie gelingt es einem, die richtige Balance zu finden zwischen der Absicherung und dem Leben des Lebens?
Ich hatte unlängst Kontakt mit anderen jungen MS-Erkrankten und mehrere von ihnen sind auch in dem „Freiberuflichen Sektor“ tätig. Sie machen das, was ihnen Freude bereitet und versuchen, sich damit ihr Geld zu verdienen – in einer Gesellschaft, wo man vieles einfach und billig kaufen kann, gar nicht so einfach, vor allem wenn diese Dinge handwerklicher Art sind (Nähen oder was auch immer…) Ganz schön schwer.
Naja. Vielleicht mache ich mir einfach wieder zu viele Gedanken. Das Studium wird auf jeden Fall durchgezogen, immerhin ein Standbein mehr ;) Danach kann ich dann ja immer noch schauen. Vor allen Dingen, weil die anderen Praktika immer gut liefen, nur dies eine lief nicht so recht. Vielleicht habe ich eine schlechte Zeit erwischt gehabt?
Kennt ihr solche Überlegungen?
Bloghaus-MS Gastautorin Monika
Ich bin 1983 in Dortmund geboren. Nach mehreren Umwegen habe ich 2008 erfolgreich meine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin abgeschlossen. Nach meiner Ausbildung arbeitete ich im OP.
2009 wurde ich mit der Verdachtsdiagnose MS konfrontiert, die sich 2010 durch ein weiteres MRT bestätigte.
Was ich zur Zeit mache? Ich lebe mein Leben und versuche meine Träume zu verwirklichen, denn das ist möglich, wenn man die Träume konkret genug macht und dafür arbeitet. Die MS macht manches schwerer oder auch mal komplizierter, aber wenn man sich der Herausforderung stellt, dann lernt man sehr viel und fühlt sich hinterher großartig. Mit gestärktem Selbstwertgefühl kann es dann zu neuen Herausforderungen gehen.